Was ist nachhaltige Landwirtschaft?

Berghang mit Kaffeepflanzen und einheimischen Bäumen
Berghang mit Kaffeepflanzen im Schatten einheimischer Bäume. Foto: Creagh Cross

Auch wenn es unterschiedliche Definitionen davon gibt, was nachhaltige Landwirtschaft genau bedeutet, geht es im Kern darum, die Anforderungen der Gegenwart zu erfüllen, ohne die der Zukunft zu opfern – also eine Landwirtschaft, die umweltfreundlich, sozial verantwortlich und für die ErzeugerInnen profitabel ist. Eine nachhaltige Landwirtschaft strebt nach den besten langfristigen Ergebnissen für die Wälder, das Klima und die Rechte und Lebensgrundlagen der Menschen.

Warum brauchen wir so dringend eine nachhaltigere Landwirtschaft?

Mit einer Weltbevölkerung, die bis 2050 voraussichtlich 9,8 Milliarden erreichen wird, müssen ErzeugerInnen mehr Nahrungsmittel produzieren als je zuvor. Leider verschlechtern konventionelle Anbaumethoden die Bodenqualität, was die Produktivität der Pflanzen im Laufe der Zeit verringert und ErzeugerInnen dazu veranlassen kann, Wälder in der Nähe, auf der Suche nach neuen fruchtbaren Böden, zu roden. Auch wenn das Abholzen von kleinen Waldflächen nicht die massiven Treibhausgasemissionen auslöst, die den Klimawandel beschleunigen, so muss diese Art des Landwirtschaftens dennoch eingegrenzt werden. Wenn wir also die Bedürfnisse einer wachsenden Weltbevölkerung befriedigen und es gleichzeitig ErzeugerInnen ermöglichen wollen, ihre Familien zu ernähren, müssen wir nachhaltigere Anbaumethoden anwenden.

Nachhaltigkeit ist allerdings immer ein Prozess: Zuerst beenden ErzeugerInnen die schädlichsten Praktiken wie Abholzung und Zwangsarbeit, danach folgt die Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit und in Folge die Verbesserung ihres Einkommens. Der Rainforest Alliance Standard für Nachhaltige Landwirtschaft stellt einen Nachhaltigkeits-Fahrplan für ErzeugerInnen dar, der diese Prozesse abbildet.

Entwaldung in Peru
Wälder in Peru werden für landwirtschaftliche Zwecke gerodet. Foto: Mohsin Kazmi

Die Schlüsselelemente einer nachhaltigeren Landwirtschaft

Wussten Sie, dass die Landwirtschaft für 80 Prozent der tropischen Entwaldung verantwortlich ist? Je mehr Wälder wir zerstören, desto mehr beschleunigen wir den Klimawandel. Das sind schreckliche Nachrichten für uns alle, nicht zuletzt für die Kleinbäuerinnen und -bauern, deren Ernten durch Dürren, Überschwemmungen, Schädlinge und Krankheiten vernichtet werden können. Um den Klimawandel zu reduzieren und die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten, müssen die Wälder also geschützt werden.

Betriebe können ihre Nachhaltigkeit auch dadurch erhöhen, indem sie neue Bäume anpflanzen. Glücklicherweise können einige Pflanzen wie z.B. Kaffee und Kakao sehr gut im Schatten größerer Bäume gedeihen. Das Pflanzen neuer und die Pflege bereits bestehender Bäume, neben den Nutzpflanzen – eine Praxis, die als Agroforstwirtschaft bezeichnet wird – bringt eine Vielzahl von Vorteilen mit sich. Bäume auf den Farmen können helfen, Waldparzellen zu verbinden, was wandernden Arten zu Gute kommt. Ein schützendes Laubdach reguliert Temperatur und Luftfeuchtigkeit, während viele Schattenbaumsorten zur Verbesserung der Gesundheit des Bodens beitragen. Fruchttragende Schattenbäume wie Bananen und Mangos können den ErzeugerInnen zudem zusätzliche Einnahmen bringen. Außerdem schmeckt der Kaffee besser, da er langsamer reift und mit der Zeit komplexere Aromen entwickelt.

Kaffeefarm mit Schattenbäumen in Peru
Juan Jiménez läuft durch seine (von der Rainforest Alliance) zertifizierte Kaffeefarm mit Schattenbäumen in Peru

Höheres Einkommen für ErzeugerInnen

Die Landwirtschaft kann nur dann als nachhaltig bezeichnet werden, wenn die ErzeugerInnen den Lebensunterhalt ihrer Familien finanzieren können. Glücklicherweise verbessern viele der Ansätze, die die Einkommen von FarmerInnen erhöhen, gleichzeitig auch die Gesundheit unserer Erde. Der natürliche Umgang mit Schädlingen und Unkraut reduziert beispielsweise den Bedarf an schädlichen Pestiziden und damit die Kosten. Fruchttragende Bäume werfen ein zusätzliches verkaufsfähiges Produkt ab. Außerdem speichern sie Kohlenstoff und nähren den Boden.

Die verarbeitende Industrie spielt auch eine entscheidende Rolle, die Einkommen der FarmerInnen zu verbessern. Unternehmen können FarmerInnen bei den Investitionskosten für die Einführung nachhaltiger Praktiken unterstützen und bezahlen höhere Preise für nachhaltig produzierte Ernte.

Bessere Löhne und Arbeitsbedingungen

Während die meisten kleinbäuerlichen Betriebe auf Familien- oder Gemeinschaftsarbeit angewiesen sind, neigen größere Betriebe dazu, viele Arbeitskräfte einzustellen. Aber auch dort ist es wichtig, den ArbeiterInnen eine Vereinigungsfreiheit zu geben, damit sie sich organisieren und bessere Löhne und Bedingungen verhandeln können. Das Gleiche gilt für die Bewältigung schwerwiegender, fest verwurzelter Probleme wie die der Kinder- und Zwangsarbeit. Der Weg zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft bedeutet, Systeme einzurichten, die diese Probleme identifizieren und beheben.

Ebenfalls von entscheidender Bedeutung für ErzeugerInnen sind eine anständige Unterbringung, persönliche Schutzausrüstung für Arbeitskräfte, Mutterschaftsurlaub sowie Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen. Die ErzeugerInnen sollten existenzsichernde Löhne verdienen. Existenzsichernd ist ein Lohn dann, wenn er einen angemessenen Lebensstandard ermöglicht, der Ernährung, Trinkwasserversorgung, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Bildung, Transport, Kleidung und andere wesentliche Dinge sowie eine Rücklage für unerwartete Ereignisse umfasst.

Teepflückerin in Süd-Malawi
Frau beim Teepflücken im Süden Malawis. Foto: Giuseppe Cipriani

Die Maximierung der Bodengesundheit und Kohlenstoffspeicherung

Was könnte für Landwirte wichtiger sein als die Gesundheit ihrer Agrarflächen? Je gesünder der Boden, desto besser behält er die Feuchtigkeit. Ein gesunder, fruchtbarer Boden sichert hohe Erträge.  Dies wiederum reduziert den finanziellen Druck, der die ErzeugerInnen dazu bringt, Wälder auf der Suche nach fruchtbaren Böden zu roden. Die Kompostwirtschaft reichert den Boden an und reduziert den Bedarf an teuren, chemischen Düngemitteln, die auch die Wasserwege belasten. Darüber hinaus kann man die Bodenqualität erheblich verbessern, indem man verschiedene Arten von Deckgewächsen pflanzt. Das sind Pflanzen, die als Zwischenfrüchte angebaut werden, um Bodenerosionen zu verhindern. Ein weiterer Pluspunkt: Deckgewächse können bis zu einer halben Tonne CO2 pro Hektar speichern, was diese Art des Landbaus zu einem wirksamen, natürlichen Beitrag für das Klima macht.

Wassereinsparungen

Eine der dringendsten Herausforderungen der Menschheit ist, dass uns das Wasser ausgeht. Nach Angaben der vereinten Nationen könnten bis 2050 mehr als 5 Milliarden Menschen aufgrund von Umweltverschmutzung, Klimawandel und steigender Nachfrage unter Wasserknappheit leiden. Bestimmte Kulturen, wie z.B. Kaffee, sind nicht nur im Anbau ziemlich wasserintensiv, sondern benötigen auch reichlich Frischwasser im Verarbeitungsprozess. Dabei entsteht Abwasser, das die nahegelegenen Flüsse und Bäche verunreinigen kann. Um die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten, ist es daher wichtig, Wege zu finden den Wasserverbrauch zu reduzieren und Wasserwege sauber zu halten. Eine praktische und kostengünstige Lösung ist die Pflanzung von natürlichen Baumgrenzen entlang von Wasserstraßen. Diese Pufferstreifen verhindern, dass Erosionen und verschmutztes Abwasser in Flüsse und Bäche gelangen.

Rio Sixaloa in Costa Rica
Luftaufnahme eines Baches, der durch einen geschützten Pufferstreifen auf einer von der Rainforest Alliance zertifizierten Bananenfarm in Costa Rica fließt

Integrierter Pflanzenschutz

Die starke Abhängigkeit vom Einsatz von Pestiziden und Herbiziden birgt hohe Risiken, nicht nur für die Ökosysteme, denn die aggressiven Chemikalien können auch die Gesundheit der Landwirte und ihrer Familien beeinträchtigen. Der erste Schritt besteht also darin, die schädlichsten Chemikalien aus dem Verkehr zu ziehen und dann im Laufe der Zeit schrittweise weitere zu reduzieren. Integriertes Schädlings- und Unkrautmanagement umfasst neben dem Einbringen natürlicher Feinde der verbreitetsten Schädlinge, auch die mechanische Unkrautbekämpfung. Dadurch können sich nützliche Unkräuter ausbreiten und Unkrautausbrüche durch regelmäßigen Rückschnitt bekämpft werden. In der Zwischenzeit können schädliche Unkräuter von Hand entwurzelt und in organischen Dünger umgewandelt werden. Obwohl zunächst arbeitsintensiver, haben sich diese Methoden in vielen Fällen als kostensparend erwiesen und sorgen langfristig auch für bessere und ertragreichere Ernten.

Gleichstellung der Geschlechter

Obwohl fast die Hälfte aller FarmerInnen auf der Welt Frauen sind, können viele aufgrund rechtlicher oder kultureller Einschränkungen weder Grundstücke noch Bäume besitzen. Außerdem erlangen sie nur selten Zugang zu Bildung und bei wichtigen Entscheidungen innerhalb ihrer Gemeinschaften erhalten sie kein Stimmrecht. Die Forschung zeigt jedoch, dass die Geschlechtergleichstellung  Agrargemeinschaften für die Ernährungssicherheit und die Armutsbekämpfung von zentraler Bedeutung ist.

Wenn Frauen gleichberechtigen Zugang zu Ressourcen haben, können sie laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) die Produktivität von Nutzpflanzen um bis zu 20 bis 30 Prozent steigern. Die Schließung der Geschlechterkluft hat auch erhebliche Auswirkungen auf das Wohlergehen der Kinder, weil Frauen eher ihr Einkommen in die Gesundheit und Bildung ihrer Familien investieren. Da Frauen mehr als 40 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in Ländern mit niedrigem Einkommen ausmachen, ist die Gleichstellung der Geschlechter entscheidend für eine gesunde und lebenswerte Zukunft.

Kaffeeernte Indien
Frauen bei der Kaffeeernte in Indien

Was können Unternehmen, Regierungen und Verbraucher tun?

Wir können die Lasten der Umstellung der Landwirtschaft nicht allein auf den Schultern der ErzeugerInnen ruhen lassen. Die Einführung nachhaltiger Praktiken erfordert oft erhebliche Umstellungskosten. Unternehmen und Regierungen müssen daher mit gutem Beispiel vorangehen und verantwortungsvolle Geschäftspraktiken und -richtlinien umsetzen. Auch die Verbraucher können ihren Teil dazu beitragen, durch bessere Kaufentscheidungen zu treffen. Die Landwirtschaft muss dringend nachhaltiger gestaltet werden und wir alle können unseren Teil dazu beitragen.