Zeit zum Handeln: Was niedrige Kaffeepreise wirklich bedeuten

Kaffeekirschen in Brasilien
Quelle: David Dudenhoefer, 2008

Die seit langem anhaltenden niedrigen Kaffeepreise gefährden die Wirtschaftlichkeit vieler Kaffeefarmen. Schwankende Kaffeepreise bedeuten vor allem für BesitzerInnen kleinerer Farmen, ob sie ein existenzsicherndes Einkommen erwirtschaften können oder in Armut leben müssen. Was können wir gemeinsam unternehmen, damit FarmerInnen in eine sicherere Zukunft blicken können. 

Der Kaffeekonsum steigt, die Preise sinken

Die Menschen in Deutschland trinken täglich zwischen drei bis vier Tassen Kaffee am Tag. Das sind mehr als 160 Liter oder 4,8 Kilogramm pro Person. VerbraucherInnen lieben das koffeinhaltige Heißgetränk, doch der Konsum hat auch seine Kehrseite. Die Kaffeepreise lagen erst kürzlich auf dem niedrigsten Niveau seit zwölf Jahren. In den Anbauländern Kolumbien und Guatemala sanken die Kaffeepreise zwischendurch so stark, dass diese nicht mal mehr die Produktionskosten deckten. 

Arbeiterin auf Kaffeefarm in Brasilien
Quelle: David Dudenhoefer, 2011, Brasilien
Unser Kaffee kommt vor allem aus Brasilien, Vietnam und Kolumbien

Preise haben negative Auswirkungen auf die Umwelt

Aus Verbrauchersicht mögen niedrige Preise zwar zunächst verlockend erscheinen, doch haben sie dramatische Auswirkungen auf die weltweit zwölf Millionen KaffeefarmerInnen und ihre Familien. Denn die unvorhersehbaren Preisschwankungen sorgen zum einen dafür, dass die FarmerInnen nicht ausreichend in eine nachhaltigere Anbauweise ihres Kaffees investieren können. Und dies hat direkte Auswirkungen auf die Umwelt. Vor allem Ressourcen wie Wasser und Erde werden in Mitleidenschaft gezogen, der Boden für den Kaffeeanbau ist weniger fruchtbar. Ein weniger fruchtbarer Boden führt jedoch zu einem größeren Bedarf an Düngemitteln. Und unsachgemäß eingesetzt, tragen Düngemittel wiederum dazu bei, Grundwasser und Wasserläufe zu verschmutzen.

Ernte von Kaffeekirschen in Kolumbien
Quelle: Danner Friedman, 2007, Kolumbien

Niedrige Kaffeepreise machen FarmerInnen zu schaffen

Zum anderen fehlen FarmerInnen die Mittel, um hochwertiges Saatgut und robuste Pflanzen kaufen. Dies ist jedoch wichtig, damit sie sich zum Beispiel an die zunehmenden Klimaveränderungen anpassen können. Wenn FarmerInnen keine Möglichkeit haben, ihre Anbaumethoden an die extremeren Wetterbedingungen und Temperaturen anzupassen, können Ernteausfälle die Folge sein. Die Existenzgrundlage der FarmerInnen würde dadurch enorm bedroht.

Schwankende und niedrige Kaffeepreise haben also weitreichende ökologische und ökonomische Folgen. Insbesondere für kleinere Farmen bedeuten höhere oder niedrigere Kaffeepreise, ob sie ein existenzsicherndes Einkommen erwirtschaften können oder in Armut leben müssen. Gleichzeitig machen es niedrige Preise den FarmerInnen schwer, ihren ArbeiterInnen auf den Plantagen einen angemessenen Lohn zu bezahlen. 

Arbeiter auf Kaffeefarm in Kolumbien
Unter den Spitzenreitern beim Kaffeekonsum sind die Finnen und Niederländer
mit knapp 9 Kilogramm Verbrauch pro Person

Wir müssen einen angemessenen Lebensstandard erreichen

Die Rainforest Alliance ist jedoch überzeugt, dass FarmerInnen und ArbeiterInnen ein existenzsicherndes Einkommen für ihre Arbeit erhalten sollen. Dies beinhaltet, dass sich die ArbeiterInnen und ihre Familien, auf Basis einer regulären Arbeitswoche und unter Berücksichtigung der lokalen Lebenshaltungskosten, einen angemessenen Lebensstandard leisten können. Der Betrag sollte ausreichen, um für Essen, Wasser, Wohnen, Bildung, Gesundheit, Transport, Kleidung und andere grundlegende Bedürfnisse einschließlich Vorsorge für Unvorhersehbares aufkommen zu können. Die konkrete Summe ist jedoch von Land zu Land – und sogar von Region zu Region – sehr unterschiedlich. Denn die Kosten für Nahrung, Unterkunft und sonstige Güter des täglichen Bedarfs sind nicht überall gleich. 

Wir wollen ein existenzsicherndes Einkommen für FarmerInnen und ArbeiterInnen erzielen

Daher setzt sich die Rainforest Alliance unter anderem dafür ein, länderspezifische Richtwerte für einen existenzsichernden Lohn zu ermitteln. Zusammen mit der Initiative „Global Living Wage Coalition“ (GLWC) haben wir weitreichende Untersuchungen durchgeführt. Ziel war es, die Lebenshaltungskosten in Kaffeeanbauländern wie Nicaragua, Guatemala und Brasilien zu berechnen. 

Zum Beispiel liegt der existenzsichernde Lohn in der Kaffeeanbauregion Minas Gerais in Brasilienbei 1.629 R$ (477 US-Dollar) pro Monat. Doch bisher beträgt der übliche Lohn nur 1.307 R$ (383 US-Dollar) pro Monat. Deshalb ist es für uns so wichtig, diese Richtwerte zu ermitteln. Sie helfen uns zu verstehen, wie hoch das Einkommen ist, das FarmerInnen durch ihre Betriebe erzielen sollten, damit sie von ihrer Arbeit leben können. 

Kaffeekirschen aus Äthiopien
Quelle: William Crosse, Äthiopien

Verantwortungsvoller Kaffeekonsum geht uns alle an

Doch um ein existenzsicherndes Einkommen zu erreichen und die Auswirkungen niedriger Kaffeepreise zu minimieren – braucht es beharrliches Engagement und die Zusammenarbeit aller Beteiligten an der Kaffeeproduktion. Kein einzelner Akteur oder keine Initiative, auch nicht wir allein, können eine nachhaltige Zukunft im weltweiten Kaffeeanbau erreichen. 

Wir wollen daher neben den KaffeefarmerInnen auch Zwischenhändler, Exporteure, Kaffeeanbieter, Regierungsvertreter in den Anbauländern und Zivilgesellschaften an einen Tisch bringen. Nur gemeinsam können wir Veränderungen bewirken. Wir setzen uns zudem für eine gerechtere Verteilung entlang der Wertschöpfungskette ein. Die Position von KaffeefarmerInnen gegenüber den weiteren Teilnehmern der Lieferkette (Zwischenhändler, Exporteure, Kaffeeanbieter etc.) muss gestärkt werden. Die Kaffeeindustrie generiert schätzungsweise jedes Jahr über 200 Milliarden Dollar. Doch lediglich 10 Prozent davon verbleiben in den Anbauländern wie Brasilien, Vietnam und Kolumbien – und nur ein kleiner Teil geht davon wiederum an FarmerInnen und ArbeitnehmerInnen. 

Kaffeekirschen aus Nicaragua
Quelle: Thomas Enderlin, 2011, Nicaragua

Auch VerbraucherInnen sind betroffen

Und das hat ebenfalls Auswirkungen auf VerbraucherInnen. Weil nur wenig Umsatz bei den FarmerInnen verbleibt, hat sich die Kaffeeproduktion in einigen Ländern bereits konsolidiert. So kann es künftig sein, dass nur noch wenige Länder und Regionen profitabel genug sein werden, um auch in Zukunft Kaffee anzubauen. Dann werden Kaffeesorten und Vielfalt aus den Supermarktregalen verschwinden. Der Verlust dieser Vielfalt beeinträchtigt für FarmerInnen wiederum die Möglichkeit, den Wert ihres Kaffees weiter zu steigern. Für VerbraucherInnen bedeutet es weniger Auswahl oder gar geringere Qualität. FarmerInnen, KonsumentInnen und die Kaffeeindustrie verlieren in diesem Szenario also gleichermaßen.

Zusammenarbeit in der Kaffeeindustrie ist der Schlüssel

Deshalb ist es auch entscheidend, dass sich alle Beteiligten entlang der Lieferkette zu einem langfristigen Engagement verpflichten. Nicht nur, um die Preise zu verbessern, sondern auch um für eine gerechtere Verteilung in der Wertschöpfungskette zu sorgen. Alle Beteiligten im Kaffeesektor und auch nationale Regierungen müssen sich gemeinsam die Frage stellen, wie ein existenzsichernder Lohn erzielt werden kann.

Ein existenssicherndes Einkommen für Landwirte und Arbeitnehmer ist daher ein zentrales Ziel unserer Arbeit. Denn nur, wenn FarmerInnen genügend Einkommen erzielen, um ihre Familien zu ernähren – können sie auch in nachhaltigere Anbaumethoden investieren, um die Umwelt und die Gemeinschaften, in denen sie leben, langfristig zu schützen.

Farmerfamilie in Uganda
Quelle: Kyagalanyi Coffee Limited
Farmerfamilie in Uganda