Vor lauter Bäumen nicht den Wald übersehen

Von Martin Noponen, Director for Climate bei der Rainforest Alliance

Martin Noponen, Director for Climate bei der Rainforest Alliance

Der jüngste Klimabericht des UN Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist weltweit auf breites Echo gestoßen. Die Warnungen zur globalen Erderwärmung sind alarmierender denn je. Wir stehen an einem kritischen Punkt für die Zukunft unseres Planeten.

Im Gegensatz zum bislang eher moderaten Ton des IPCC, schlagen die Autoren nun deutlich Alarm und zwar vor den Auswirkungen einer Erderwärmung um „nur“ 1,5 Grad Celsius – diese seien nämlich viel drastischer als bisher angenommen. Die nächsthöhere Zielmarke von 2 Grad Celsius (wie im Pariser Klimaabkommen festgeschrieben) würde hingegen katastrophale Folgen für Menschen und Natur mit sich bringen. Am IPCC-Bericht haben 133 Wissenschaftler mitgewirkt, die über 6.000 wissenschaftliche Beiträge zum Klimawandel ausgewertet haben.

Wer sich mit dem Klimawandel beschäftigt, den mag es nicht überraschen, dass die Prognosen für Küstenregionen und landwirtschaftlich geprägte Gebiete in Asien und Afrika düster aussehen. Der entscheidende Unterschied aber: Erstmals stellt das IPCC klar, ob sich das Klima um 1,5 oder 2 Grad Celsius erwärmt macht einen riesigen Unterschied – ökonomische, soziale und ökologische Folgen wären immer noch weitreichend, ließen sich aber verhältnismäßig stark reduzieren.

Natur ist Teil der Lösung

Ein Schüler in Petén, Guatemala, versucht die Kohlenstoff-Speicherkapazität dieses Baumes zu ermitteln. Foto: Sergio Izquierdo

Als Experte für landbasierte Klimalösungen sehe ich im Bericht zwei Kernelemente, die mehr in den Fokus rücken müssen. Erstens: Die essenzielle Bedeutung von naturbasierten Klimalösungen. Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, muss die Kohlenstoffspeicherkapazität von Naturräumen genutzt und entschieden gefördert werden. Tatsächlich ist jedes 1,5 Grad-Szenario auf Walderhalt, Aufforstung, Rekultivierung degradierter Landflächen und Kohlenstoffbindung durch gesunde Böden angewiesen. Zwar dominieren fossile Brennstoffe die Diskussionen rund um den Klimawandel, jüngste Forschungen und Analysen bestätigen jedoch, dass Walderhalt und andere natürliche Komponenten unverzichtbar sind, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Zweitens: Der Bericht setzt ein starkes Signal für mehr Zusammenarbeit, kollektive Anstrengungen und inklusives Handeln. Um die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, braucht es einen Mix aus unterschiedlichen Maßnahmen sowohl zur Minderung des Klimawandels als auch zur Klimaanpassung. Diese Maßnahmen müssen partizipativ und integriert umgesetzt werden, damit sich systemischer Wandel in städtischen und ländlichen Regionen möglichst schnell einstellt. Außerdem sollten sie in ökonomische und nachhaltige Entwicklungsrahmen eingebettet sein, um die Effektivität zu maximieren. Kommunale und regionale Entscheidungsträger benötigen auch die Unterstützung der Nationalregierung.

Klimaschutz im Rainforest-Alliance-Ansatz fest integriert

Die potenziellen Beiträge der Natur zur Abschwächung des Klimawandels zu nutzen, kann komplexe Herausforderungen mit sich bringen. Konkurrierende Interessen hinsichtlich der Landnutzung in einer Region können beispielsweise negative Folgen für Agrarsysteme und Lebensmittel sowie für die Artenvielfalt und die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen haben. Erfolgreiches Klimaengagement muss daher zwingend auch Governance-Strukturen auf nationaler und lokaler Ebene stärken, ebenso wie zivilgesellschaftliche Organisationen, Nachhaltigkeitsziele des Privatsektors, die Rechte und Stellung indigener Gemeinden und gemeinschaftliches Handeln allgemein.

Viele der genannten Aspekte sind Kernelemente der Mission der Rainforest Alliance: Von der Förderung klimasmarter Landwirtschaft über die Stärkung von Governance-Strukturen auf Landschaftsebene bis hin zur Inklusion lokaler Stakeholder. Agroforstsysteme (wie Kaffeeanbau unter Schattenbäumen), Wiederaufforstung, Rekultivierung degradierter Landflächen und nachhaltige Gemeindeforstwirtschaft sind allesamt Hebel, die wir nutzen, um natürliche Kohlenstoffspeicher zu schützen und auszubauen sowie um Entwaldung zu stoppen. Wissenschaftliche Forschungen bestätigen unseren Ansatz im Kampf gegen den fortschreitenden Klimawandel.

Engagement muss sich ausweiten

Alles in allem skizziert der IPCC-Bericht einen klaren Weg in die Zukunft. Zwei Drittel des potenziellen Beitrags ländlicher Ökosysteme zur Abschwächung des Klimawandels kommen von Wäldern. Wiederaufforstung und Stopp von Entwaldung spielen folglich eine entscheidende Rolle, um die Erderwärmung aufzuhalten. Nationale Klimaziele vernachlässigen diese bedeutende Rolle von Landnutzung aber bislang. Zudem sind sie immer noch weit entfernt vom 2-Grad-Ziel, geschweige denn von 1,5 Grad.

Eine Wunderwaffe im Kampf gegen den Klimawandel wird es nicht geben. Begegnen können wir dieser Herausforderung nur gemeinsam und mit einer Bündelung jeder erdenklicher und möglicher Maßnahmen. Das Momentum für klimatisches Handeln wird größer. Ich habe das Gefühl, wir nähern uns einem Wendepunkt, an dem sich Basiswissen zum Klimawandel in der breiten Gesellschaft festgesetzt hat. Dieses steigende Bewusstsein ebnet den Weg für Klimaschutzmaßnahmen in allen Lebenslagen. Während die Welt fieberhaft kohlenstoffarme Technologien entwickelt, dürfen wir aber nicht die Lösungen vergessen, die wir bereits haben: Lasst uns nicht vor lauter Bäumen den Wald übersehen!

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