Studie: Nachhaltiger Konsum solle Wirkung haben, dürfe aber nichts kosten

Neben der Politik sehen Verbraucher die Wirtschaft gleichermaßen in der Verantwortung, die Lebensqualität von Menschen zu verbessern. Dieser Verantwortung werden Unternehmen jedoch nicht gerecht, so die Ergebnisse einer globalen Studie mit 30.000 Teilnehmern. Im internationalen Vergleich am kritischsten sind dabei die Westeuropäer: 88 Prozent der Deutschen und 84 Prozent der Franzosen beispielsweise sehen das Handeln von Unternehmen skeptisch.

Massiven globalen Herausforderungen sind wir uns heute bewusster denn je: Zerstörung von Regenwäldern, massenhaftes Artensterben, fortschreitender Klimawandel, teils gravierende Lebensbedingungen von Menschen in anbauenden Ländern – vielen Verbrauchern ist es nach eigener Aussage immer wichtiger, woher die Produkte in den Supermarktregalen kommen und wie sie hergestellt werden. Mit bewussten Kaufentscheidungen zugunsten nachhaltig erzeugter Produkte möchten viele für ihre Überzeugungen eintreten und verantwortungsvolles Wirtschaften unterstützen.

Europäer: Kritisch und gleichzeitig wenig informiert

Die Zahlen der Studie sind jedoch ernüchternd: Lediglich 17 Prozent der Europäer informieren sich, bevor sie zum Produkt einer bestimmten Marke oder eines bestimmten Unternehmens greifen. In Nordamerika sind es gar nur 13 Prozent. Im Vergleich: In Asien und Lateinamerika behaupten das immerhin rund ein Drittel der Verbraucher von sich. Das gleiche Gefälle zeichnet die Studie auf die Frage, ob Verbraucher bei ihren Kaufentscheidungen bewusst Nachhaltigkeitsaspekte heranziehen.

Das würde bedeuten: Die große Mehrheit der Verbraucher weiß laut Studie nicht, ob und welche Unternehmen bzw. Marken sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzen (und wie sie es tun). Somit werde nachhaltiges Engagement auch nicht durch gezielte und stärkere Nachfrage von Verbrauchern honoriert und gefördert.

Foto: Alison Young

Nähe zwischen Anbau und Konsum mache einen Unterschied

Aber woher stammt diese auffällige Diskrepanz zwischen Verbrauchern in Europa/Nordamerika und Asien/Lateinamerika? Schließlich fühlen wir Europäer uns doch als globale Treiber, wenn es um die Nachfrage von nachhaltig erzeugten Produkten geht. Die Autoren kommen zu dem Schluss: die geografische Nähe zwischen Anbau und Konsum spiele eine entscheidende Rolle. Menschen in den Ländern des Südens würden die Auswirkungen z. B. des landwirtschaftlichen Anbaus oft unmittelbar spüren. Positive Veränderungen im Anbau haben häufiger auch einen direkten Einfluss auf das alltägliche Leben der Menschen. In Europa hingegen scheint die Thematik zu abstrakt zu sein, als dass wir unser Handeln tatsächlich daran orientieren würden.

Wirtschaft dürfe nicht auf Verbraucher warten

Die Studie bestätigt eine Entwicklung, die längst im Gange ist und die weiter an Dynamik gewinnen muss: Unternehmen dürfen ihre Verantwortung nicht wegdelegieren und auf einen Impuls von Verbrauchern – z. B. in Form von erhöhter Nachfrage – warten. Nachhaltigkeit in der Lieferkette muss vielmehr von innen heraus initiiert und von allen Beteiligten konsequent weiterverfolgt werden, sodass verantwortungsvolles Handeln in ganzen Sektoren zur neuen Norm wird. Wie das in der Praxis konkret angegangen werden kann, das versucht die Multistakeholder-Initiative Accountability Framework zu beantworten, in der sich auch die Rainforest Alliance maßgeblich engagiert.

Die Initiative „Accountability Framework“ wird von einer Koalition aus zivilgesellschaftlichen Organisationen geführt.

Das Preisargument ist keines

Aber was müsse passieren, um Verbraucher in Deutschland doch auch aktiv mitzunehmen? Laut Studie gehe das am ehesten über den Preis: Die große Mehrheit der deutschen Studienteilnehmer gab an, dass entsprechende Produkte vor allem nicht teurer sein dürften. In diesem Punkt ist Deutschland weltweit Spitzenreiter. Andere Studien stehen hierzu im Widerspruch, die besagen, dass Verbraucher durchaus bereit seien, für nachhaltig erzeugte Produkte auch mehr Geld auszugeben.

Unabhängig davon, was nun tatsächlich zutrifft, rücken beide Punkte ein erstaunliches Paradox in den Mittelpunkt: Wenn sich Verbraucher in Deutschland beim Einkauf maßgeblich vom Preis leiten lassen, warum fällt dann scheinbar niemandem auf, dass zertifiziert nachhaltige Produkte gar nicht automatisch teurer sind – teils sogar günstiger als konventionelle Produkte (ob das gut ist und welche Folgen das hat, ist eine andere Frage). Dieses inflationär gebrauchte Argument – in seiner Allgemeingültigkeit – ist aber keines.

Letztlich sind uns Aspekte der Nachhaltigkeit beim Einkaufen eher selten präsent – wie die Studie zeigt. Vergleiche zwischen Produkten/Preisen im Sinne der Nachhaltigkeit anzustellen, ist dann selbstverständlich auch schwierig. Umso wichtiger ist die aktive Bereitstellung fundierter Informationen. Das Bewusstsein für Herausforderungen und Lösungen in Produktionsprozessen muss weiter gesteigert werden. Und dazu können alle etwas beitragen: Unternehmen, Politik, Medien, NGOs – und natürlich Verbraucher selbst, indem sie Angebote wahrnehmen und sensibler und tatsächlich konform mit ihren Überzeugungen Handeln.

 

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