„Ich glaube an Zertifizierungen.“

Dr. Paul Jepson, Foto: Oregon State University

Dr. Paul Jepson ist Professor an der Oregon State University und Experte, wenn es um Umweltschutz in der Landwirtschaft geht. Seit über 30 Jahren arbeitet er im Bereich Integriertes Pflanzenschutz-management (Integrated Pest Management – IPM) und Risikoeinstufung von Pflanzenschutzmitteln. Dabei kommt er in der ganzen Welt herum. Dr. Jepson hat bei der Entwicklung des 2017 Rainforest Alliance Standards für Nachhaltige Landwirtschaft und speziell für unser Konzept zum Pflanzenschutz und zur Risikominimierung bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln eine wichtige Rolle gespielt. Deanna Newsom von der Rainforest Alliance hat ihn getroffen und über seine Erfahrungen gesprochen.

Deanna Newsom: Im neuen Standard wurde die Liste verbotener Pflanzenschutzmittel von 100 auf 150 Substanzen verlängert. Für weitere 170 Mittel gibt es nun bestimmte Verfahren, die Farmer zur Risikominimierung beachten müssen. Weshalb sind diese umfassenderen Anforderungen sinnvoll?

Dr. Paul Jepson: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Farmer und verwenden drei verschiedene Pflanzenschutzmittel auf ihrem Feld. Eines könnte ein Herbizid sein, das Sie ausbringen, bevor Sie ihre Setzlinge einpflanzen, um störendes Unkraut vorher zu beseitigen. Dann gibt es womöglich eine Krankheit, die ihre Nutzpflanzen bedroht, also verwenden Sie dagegen ein Fungizid. Im späteren Verlauf der Saison wenden Sie ein Insektizid an, um Schädlingsbefall zu bekämpfen. Steht ein Mittel auf der Verbotsliste, müssen sie die Anwendung sofort stoppen und eine Alternative finden. Das gilt sowohl für den alten Standard aus dem Jahr 2010 als auch für den 2017 Standard.

In der Realität entscheidend ist aber auch, wie die Mittel eingesetzt werden. Grundsätzlich zugelassene Mittel können auch eine Gefahr für Menschen und die Umwelt darstellen, wenn sie nicht adäquat angewendet werden. Deshalb haben wir den Ansatz der Risikominimierung entwickelt. Mit dem Integrierten Pflanzenschutzmanagement (IPM) fördern wir zudem den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln allgemein zu reduzieren und Alternativen zu ihnen zu identifizieren.

DN: Wie funktioniert der Ansatz der Risikominimierung genau? Wie hat man sich das vorzustellen?

PJ: Wenn Sie der Farmer aus dem genannten Beispiel sind, könnte es für Sie möglich sein, ein bestimmtes Insektizid anzuwenden, weil es per Verbotsliste grundsätzlich nicht verboten ist. Es könnte aber etwa für Fische schädlich sein. Dieses Risiko können Sie durch bestimmte Maßnahmen erheblich reduzieren.

Zum Beispiel halten Sie beim Ausbringen des Mittels einen Mindestabstand zu Wasserläufen ein. Spezielle Düsen können ungewollte Verwehungen beim Sprühen wesentlich verringern. Oder Sie müssen das Sprühen ganz verschieben, wenn der Wind aus einer ungünstigen Richtung kommt.

Alle diese Maßnahmen zur Risikominimierung sind wissenschaftlich fundiert und getestet. Für Farmer wird es deutlicher, wie sie mit bestimmten Mitteln umzugehen haben – sofern sie dieses überhaupt anwenden – um Risiken für die Gesundheit und Umwelt möglichst gering zu halten.

DN: Ihr Team hat diesen Ansatz in Westafrika in der Praxis selbst getestet. Wie waren dort die Rückmeldungen der Farmer?

PJ: Wie waren wirklich beeindruckt, zu welchem Grad die Farmer risikobasierte Informationen berücksichtigten, sobald sie einmal die Grundlagen verstanden hatten. Es wurde aber auch deutlich, dass wir Farmern zunächst grundlegendes Wissen vermitteln müssen – zum Beispiel ein potenzielles Gesundheitsrisiko bei Hautkontakt – damit sie uns auch glauben, was wir ihnen erzählen.

Wir müssen ihnen erklären, dass ein Blatt grün und gesund aussehen kann und dennoch eine Gefahr darstellt, wenn sich unsichtbare Rückstände darauf befinden. Das ist gar nicht so einfach. Es gibt da Übersetzungslücken zwischen der Wissenschaft und der öffentlichen Wahrnehmung. Wir haben festgestellt, dass Piktogramme und Schulungsmaterial mit Symbolen bei Trainings in Westafrika sehr effektiv waren.

DN: Wie wirkte sich dies auf die Farmen aus? Konnten Farmer Schädlinge bekämpfen ohne an Produktivität einzubüßen?

PJ: Was wir häufig beobachten, egal in welcher Gegend: Natürliche Feinde von bestimmten Schädlingen verschwinden wegen des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln. In der Folge können sich die Schädlinge ungehindert vermehren. Farmer wiederum sehen sich dann dazu gezwungen, noch mehr Pflanzenschutzmittel gegen Schädlinge einzusetzen. Es ist ein Teufelskreis.

Wir versuchen ihn zu durchbrechen und die Abhängigkeit der Farmer von Pflanzenschutzmitteln abzubauen. Solange Farmer jedoch nicht selbst erkennen, dass sie mit einem viel geringeren Einsatz an Pflanzenschutzmitteln ihre Produktivität erhalten können, kann ihnen dieser Ansatz sehr riskant erscheinen. Die Veränderung muss daher schrittweise erfolgen und kann zwei, drei Jahre dauern, in denen sich Populationen natürlicher Feinde von Schädlingen erholen können.

Ein Warnhinweis auf einer Rainforest-Alliance-zertifizierten Blumenfarm in Kolumbien informiert Arbeiter daüber, wann Pflanzenschutzmittel ausgebracht wurden und wann dieses Gebiet wieder betreten werden darf.

DN: Sie sind international beratend tätig. Wie war es für Sie, an der Weiterentwicklung eines Zertifizierungsstandards mitzuwirken?

PJ: Ich glaube wirklich an Zertifizierungen und an das, was die Rainforest Alliance tut. Bei Besuchen auf nicht-zertifizierten Farmen in Entwicklungsländern höre ich von den Farmern oft Dinge wie „Ja, ich fühle mich krank; ja, ich merke, dass dieses Mittel giftig ist; ja, ich tue was ich kann, um den Einsatz zu reduzieren. Aber ich habe keine Wahl – ich muss dies tun.“

Die Rainforest Alliance zeigt Farmern Alternativen auf. Mit dem neuen Standard fließt noch mehr Struktur und Wissenschaft in diesen Prozess mit ein. Die Chancen, dass sich Veränderungen im Anbau positiv für Farmer und ihre Umwelt auswirken, steigen. Stets könnte man natürlich noch weiter gehen. Aber wir haben nun im neuen Standard die Schlüsselelemente zum Integrierten Pflanzenschutz eingebaut. Und ich denke, wir haben es auf eine Weise gemacht, die Farmern eine Umsetzung ermöglicht.

DN: Was steht für Sie bei Ihrer Forschung als nächstes auf dem Plan?

PJ: Wir arbeiten derzeit im Westen und Süden Afrikas an einem Risiko-Index, der speziell auf das Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln mit Rucksack zugeschnitten ist. Wir bestimmen auch die Zeitspanne, die die Arbeiter abwarten sollten, bevor sie besprühte Gebiete wieder betreten. Einige Labels auf chemischen Mitteln empfehlen einen Tag Karenzzeit oder so lange zu warten, bis alles getrocknet ist. Tatsächlich haben wir bei bestimmten Mitteln aber festgestellt, dass ein Betreten ohne Gesundheitsrisiko mehrere Wochen Wartezeit erfordert.

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