Fünf Trends im Bereich Nachhaltigkeit

Ein Beitrag von Britta Wyss Bisang, Chief Sustainable Supply Chain Officer der Rainforest Alliance sowie Chair of Board of Directors der ISEAL Alliance

Britta Wyss Bisang, Chief Sustainable Supply Chain Officer der Rainforest Alliance.

Nachhaltigkeit rückt bei Verbrauchern und Unternehmen immer weiter in den Fokus. Zertifizierungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie markieren einen wichtigen Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit. Britta Wyss Bisang ist überzeugt, dass es vor allem die folgenden fünf Nachhaltigkeitstrends sind, die weiter an Bedeutung gewinnen werden

 

1. Nachhaltigkeit ist auf der Agenda von Verbrauchern und Unternehmen nach oben gerückt.

Schon 2015 hat das Marktforschungsunternehmen Nielsen mehr als 30.000 Verbraucher in 60 Ländern zum Thema Nachhaltigkeit befragt. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Befragten waren bereit, mehr Geld für nachhaltige Produkte zu zahlen. Mehr als die Hälfte gab an, dass ihre Kaufentscheidungen davon beeinflusst werden, ob die Produkte natürlich bzw. biologisch angebaut wurden oder ob das Unternehmen dahinter für ein Handeln nach gesellschaftlichen Werten steht.

Zeitgleich erschien eine Studie von Cone Communications, die belegt, dass in den größten Industriestaaten der Welt 91 Prozent der Verbraucher von den Unternehmen erwarten, dass diese Verantwortung übernehmen und soziale und ökologische Probleme angehen. Das ist eine überwältigende Mehrheit. Es kann nicht genug betont werden, wie hoch der Einfluss der Verbraucher ist. Ihre Kaufentscheidungen sind gleichzeitig ein Votum für oder gegen ein Unternehmen und dessen Produkte.

Parallel dazu nutzen immer mehr Regierungen und Unternehmen das 2015 beschlossene Pariser Klimaschutzabkommen und die Sustainable Development Goals (SDGs) der UN als Maßstab für ihre Arbeit im Bereich Nachhaltigkeit. Die SDGs haben zum Ziel, Armut zu beenden, die Erde zu schützen und Wohlstand zu sichern. Diese Ziele in Unternehmensstrategien einzubeziehen, ist eine positive Entwicklung, weg von einem ausschließlich am Profit ausgerichteten System hin zu einem System, das Menschenrechte und Nachhaltigkeit als zentrale Bestandteile anerkennt.

So gibt es mit der Business Sustainable Development Commission eine Initiative, die sich aus den führenden Branchengrößen zusammensetzt, um einen Business Case zu entwickeln und damit die Umsetzung der SDGs zu erreichen. Die Anzahl an Ländern, die sich dazu bereit erklärt haben, eine freiwillige Prüfung zur Umsetzung der SDGs beim Hochrangigen Politischen Forum der UN durchzuführen, hat sich zudem im vergangenen Jahr verdoppelt und umfasst nun 43 Länder. Ein gemeinsamer Report des WWF und der ISEAL Alliance zeigt, wie Nachhaltigkeitsstandards dabei helfen können, den Prozess zur Umsetzung vieler SDGs voranzutreiben – und gleichzeitig Mehrwert schaffen für Unternehmen und Kleinerzeuger.

Nachhaltigkeit wird außerdem zunehmend eine Frage der Rechtspflicht. In Großbritannien sind Unternehmen mittlerweile rechtlich dazu verpflichtet, über ihre Bemühungen zur Abschaffung der Sklaverei in der gesamten Lieferkette zu berichten. In den USA wurde 2016 eine Gesetzeslücke geschlossen, die ein Verbot von Produkten nach sich zog, die mittels Kinderarbeit oder Sklaverei produziert wurden. In Frankreich wurde ein Gesetz gegenüber internationalen Konzernen erlassen, das sie verpflichtet, ihre Pläne zur Einhaltung der Menschenrechte zu veröffentlichen. Und es gibt weitere ähnliche Beispiele.

2. Worte allein reichen nicht. Verbraucher wollen Taten sehen.

Gut informierte Verbraucher wollen keine leeren Versprechungen, sie wollen Taten und Ergebnisse sehen. Und Unternehmen haben die Möglichkeiten, ihnen zu zeigen, wie ihre Produkte entstehen.

Viele Unternehmen setzen mittlerweile auf eine zertifizierte Rohstoffbeschaffung, eines der Schlüsselinstrumente, um ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Dies hilft ihnen, Ergebnisse vorzulegen, die von unabhängiger Stelle bestätigt wurden. Mehrere große Unternehmen beziehen bereits zu 100 Prozent zertifizierte Rohstoffe.

Dennoch, so zeigt ein aktueller Bericht der Economist Intelligence Unit, besteht in einigen Bereichen die Gefahr, selbstgefällig zu werden. Während vier von fünf Unternehmen angaben, über verantwortungsvolle Lieferketten zu verfügen, befassten sich weniger als ein Viertel mit Kernproblemen wie Klimawandel oder Kinderarbeit. Bei 30 Prozent der befragten Unternehmen waren die Bemühungen um eine verantwortungsvolle Lieferkette über die letzten fünf Jahre sogar rückläufig.

Foto: Sergio Izquierdo

Verbraucher werden sehr wahrscheinlich immer mehr von ihrer Entscheidungsfreiheit Gebrauch machen und nach Marken suchen, die zu ihren Werten passen. Eine aktuelle globale Studie von BBMG und GlobeScan ergab, dass zum ersten Mal seit 2009 mehr Verbraucher sagen, dass sie Unternehmen für ihr Verhalten abgestraft (28%), als sie dafür belohnt haben (26%).

Vielen Unternehmen ist oftmals unklar, welche Werkzeuge sie zur Erreichung ihrer anvisierten Nachhaltigkeitsziele nutzen können oder wie sie diese Werkzeuge am effektivsten einsetzen. Das Accountability Framework, eine Initiative, die sich aus einer Koalition führender Umwelt- und Sozialorganisationen (darunter die Rainforest Alliance) entwickelt hat, gibt Unternehmen einen konkreten Leitfaden auf ihrem Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit an die Hand – darunter auch Benchmarks zur Bewertung ihrer Fortschritte.

3. Zertifizierungen werden kritisch beobachtet (und das ist gut so).

Sowohl Wirtschaft als auch Verbraucher stellen die Frage, worin der Mehrwert von Zertifizierungen liegt. Meine Antwort: Zertifizierungen liefern Einblicke in Lieferketten, die über andere Kanäle nicht zu erreichen sind. Sie verbinden Farmer und Arbeiter mit Märkten und Akteuren der Zivilgesellschaft. Diese Verbindungen sind einzigartig und wirken sich positiv auf die Farmer sowie auf die Umwelt aus. Das bescheinigen zahlreiche unabhängige Studien. Zertifizierungen bieten ein Level an Transparenz, mit dem wenig andere Ansätze aufwarten können. Und: Sie bilden die Basis für ein System, das vollständig skalierbar ist und sowohl Farmer als auch Unternehmen einbindet.

Dieser Mehrwert von Zertifizierungen erfährt immer mehr Anerkennung. Das International Trade Center, eine gemeinsame Einrichtung der Welthandelsorganisation und der UN, stellt in seiner Untersuchung zur aktuellen Lage der nachhaltigen Märkte im Jahr 2017 (The State of Sustainable Markets 2017) fest, dass „nachhaltig angebaute Produkte, die nachweislich international anerkannten Standards entsprechen, mit ihrem rasanten Wachstum konventionell angebaute Produkte überholen“.

Foto: Nice and Serious, 2013

Zertifizierungen müssen permanent verbessert werden und es stimmt, dass verschiedene Elemente sich unterschiedlich stark auswirken oder unterschiedliche Herausforderungen mit sich bringen. Außerdem kann selbstverständlich kein Siegel eine hundertprozentige Nachhaltigkeitsgarantie leisten, da kein funktionsfähiges und weltweit agierendes System jeden Produzenten rund um die Uhr überwachen kann.

Zertifizierungen alleine können darüber hinaus systemische Herausforderungen, mit denen Farmer konfrontiert sind, nicht lösen. Ist eine Farm zertifiziert, ist das allein keine Garantie für ein stabiles und existenzsicherndes Einkommen. Denn die internationalen Rohstoffpreise sowie Marktschwankungen bleiben auch in Zukunft die Faktoren, die ihr Einkommen am meisten beeinflussen. Zertifizierungen können jedoch Farmer mit Wissen, Schulungen und Möglichkeiten ausstatten, um ihr Einkommen zu verbessern – indem sie bessere und nachhaltigere Anbaumethoden anwenden, effizienter agieren und sich besser vernetzen.

Zertifizierungen sind ein wertvolles Werkzeug und können auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit vieles bewegen. Sie sollten dabei innerhalb eines größeren Kontexts in die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Unternehmen, NGOs und anderen Akteuren eingebunden werden.

4. Produzenten und produzierende Länder verlangen mehr Zusammenarbeit.

Will man die größten Nachhaltigkeitsherausforderungen anpacken, muss man auf Partnerschaften und die Zusammenarbeit mit anderen setzen. Völlig zu Recht erwarten Produzenten in den anbauenden Ländern, Nachhaltigkeit aus einer ganzheitlichen Perspektive zu betrachten. So sollen auch die Produktionskosten sowie der Zugang zu für die Zertifizierung notwendigen Investitionen mit auf die Agenda kommen. Eine ganze Reihe wichtiger Plattformen sind so entstanden, wie die Cocoa and Forests Initiative und Plattformen für Kaffee aus Kenia und Uganda – diese werden von der Global Coffee Platform mit Sitz in Bonn unterstützt.

Ein aktuelles Beispiel für mehr Zusammenarbeit ist der im Januar 2018 erfolgte Zusammenschluss von UTZ und der Rainforest Alliance. Im Jahr 2019 werden wir unser neues, einheitliches Zertifizierungsprogramm veröffentlichen. Es wird die Stärken beider Organisationen zusammenbringen und darauf aufbauen. Den Zertifizierungsprozess zu vereinheitlichen wird neuen Farmern und den 1,9 Millionen Farmern, mit denen wir bereits zusammenarbeiten, gleichermaßen zugutekommen – speziell den 182.000 Kakao-, Kaffee- und Teefarmern, die momentan sowohl UTZ- als auch Rainforest-Alliance-zertifiziert sind. Sie werden effizienter in Nachhaltigkeit investieren können, weil sie so den administrativen Aufwand für die Implementierung zweier Standards und Zertifizierungssysteme vermeiden.

Ich hoffe, dies wird der Beginn eines neuen Konsolidierungstrends im Bereich der Nachhaltigkeitsstandards sein. Ich hoffe auch auf einen Trend der Zusammenarbeit nicht nur innerhalb der einzelnen Sektoren, sondern auch darüber hinaus. Es gibt enormes Potenzial, Synergieeffekte im Anbau verschiedener Rohstoffe zu schaffen (zum Beispiel beim Anbau von Kakao und Kaffee). Diese Möglichkeiten wird die neue Rainforest Alliance in Zukunft verstärkt erschließen.

5. Technik und adäquate Verarbeitung von Daten werden für transparente Lieferketten immer wichtiger.

Es bieten sich große Chancen für Innovationen: Mobile Apps und Drohnen machen es beispielsweise schon heute einfacher, Herausforderungen der Nachhaltigkeit besser abzubilden und diese noch gezielter zu adressieren. Das verändert die Art und Weise, in der einige Audits durchgeführt werden. Bei der Rainforest Alliance testen wir den Einsatz von Drohnen, um zusätzliche Informationen über Anbauflächen zu sammeln.

Darüber hinaus können Technologien effektiv zu Trainingszwecken eingesetzt werden und das Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei Erzeugern im Ursprung stärken. Im Jahr 2017 hat die Rainforest Alliance ihre Trainings-App für Farmer gestartet. Mit ihrer Hilfe haben Farmer in Afrika, Asien und Lateinamerika Zugang zu Trainingsmodulen und -videos. Außerdem können sie sich per App untereinander austauschen.

Auch die Blockchain – bei der es sich kurz gefasst um eine neue, offene und dezentrale Datenbanktechnologie handelt, die Transaktionen überprüfbar macht und dauerhaft aufzeichnen kann – kommt bereits in ersten Lieferketten der Lebensmittelindustrie zum Einsatz. Zum Beispiel verwendet Provenance, ein britisches Startup, die Blockchain-Technologie, um die Herkunft und den Weg von Produkten wie Thunfisch und Kokosnüssen nachzuvollziehen.

Dennoch sollte bedacht werden, dass alle neuen Technologien auch Herausforderungen mit sich bringen. In einigen Branchen sind Informationen über Lieferketten nach wie vor schwierig zu erhalten, da viele Produkte aus Ländern mit unzureichender Infrastruktur stammen. Die betroffenen Regierungen müssen beteiligt werden, um modernere Technologien einzuführen.

Auch der Datenschutz bleibt wichtig: Sämtliche Vorgänge der Datenverwaltung müssen sich an die Regeln im Umgang mit personenbezogenen Daten, der Vertraulichkeit kommerzieller Daten sowie von Datenschutzgesetzen halten.

Ausblick

Die Nachfrage der Verbraucher nach nachhaltigen Produkten steigt – gepaart mit einer größeren Notwendigkeit, Themen wie den Klimawandel, die Abholzung von Wäldern und Kinderarbeit mit Nachdruck anzugehen. Auf der anderen Seite bietet der technologische Fortschritt den Produzenten ganz neue Wege, um nachhaltig zu agieren. Diese Dynamik wird sich nicht mehr umkehren.

Worauf es in Zukunft noch stärker ankommen wird, ist Transparenz. Denn nur Transparenz kann dieses Gefüge zusammenhalten und ermöglicht es, die oftmals komplexen Strukturen zu verstehen. Ich glaube außerdem, dass Zertifizierungen einen wichtigen Baustein in diesen Zeiten des Umbruchs darstellen. Ihr Anteil wird weiter wachsen.

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