Bericht vom Feld: Auf Deutschlands erster Rainforest-Alliance-zertifizierter Farm

Frische Minze liegt in der Luft als wir den Hof von Rheinlandkräuter betreten. Der Agrarbetrieb baut Salat, Frischegemüse und verschiedenste Kräuter an, die dann z. B. getrocknet in Teemischungen eingesetzt werden. Wir genießen noch den intensiven Duft, da nimmt uns Kurt Graaff in Empfang. Ein besonderer Moment, denn Kurt Graaff betreibt mit Rheinlandkräuter die erste und bislang einzige Rainforest Alliance CertifiedTM-Farm in Deutschland. Seit Sommer 2017 ist der Betrieb zertifiziert.

Das Gut Veitzheim besteht seit rund 400 Jahren und war stets im Familienbesitz.

Bis ins Jahr 1600 reicht die Geschichte seines Hofes zurück. Und stets befand er sich in Familienbesitz. „In dieser Zeit ist er abgebrannt, wurde wieder aufgebaut, war pleite und hat Kriege und vieles andere erlebt“, erzählt Graaff. Vor rund 40 Jahren stellte er den Betrieb um: Weg vom klassischen Ackerbau mit Viehwirtschaft hin zum heutigen Modell. Mittlerweile baut er Petersilie, Dill, Minze, Thymian, Zitronenmelisse, Salbei, Brennnesseln, Bohnenkraut, Kamille, Ringelblumen, Rhabarber, Rucola und Romanasalat an. Die Teekräuter liefert Familie Graaff ausschließlich an einen der bedeutendsten Teeverarbeiter in Deutschland: Teekanne.

Blühende Kamille, die als Rainforest-Alliance-zertifiziert zum Beispiel im Tee landet.

Zwischen Selbstverständlichkeiten und kulturell bedingten Missverständnissen

Aus dieser Zusammenarbeit heraus entstand vor rund anderthalb Jahren auch die Initiative für eine Rainforest-Alliance-Zertifizierung. Der Betrieb ist bereits mehrfach zertifiziert, darunter teils auch nach Bio, entsprechend hoch waren die schon eingeführten Standards im Anbau. Vor dem ersten Audit zur Rainforest-Alliance-Zertifizierung fand zunächst eine mehrtägige Schulung statt. Große Hürden für eine erfolgreiche Zertifizierung gab es nicht. Dafür aber so manches kulturell bedingtes Missverständnis. Der Hof steht nun mal in der Eifel und nicht in den Tropen.

Die Hochsitze auf dem Farmland und das damit verbundene Jagdrecht in Deutschland seien so ein Fall gewesen, erinnert sich Graaff. „Wenn jemand mit einer Jagdlizenz auf meinem Land jagt, kann ich nichts machen. Es gibt Lizenzen, Jagdpachten, Abschussquoten – das ist in den Tropen anders“, erklärt er. Und auch die Bedeutung des Betriebs für das Leben in und mit den umliegenden Gemeinden würde sich in Deutschland ganz anders darstellen. „Die Leute im Dorf sind gut ausgebildet und arbeiten überall – nicht nur auf unserem Hof“, so Graaff.

Erntefrischer Rhabarber vor schillernd gelbem Raps.

Viele Anforderungen aus dem Rainforest-Alliance-Standard für Nachhaltige Landwirtschaft sind für Rheinlandkräuter selbstverständlich. Zum Beispiel Soziales und Arbeitssicherheit, die hohen Standards bei den Unterkünften und der adäquate Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Diese sind sicher verstaut, deren Anwendung wird dokumentiert und das Personal ist geschult und sachkundig. „Als wir gefragt wurden, wie viel wir einsetzen, da habe ich zunächst die Frage nicht verstanden“, erinnert sich Graaff mit einem Lächeln. Jede Ausbringung, beispielsweise von Dünger, sei durch Bodenproben optimiert und werde auf das Gramm genau festgehalten. „Alles andere wäre unsinnig und zu teuer.“

„Zitronenmelisse ist wie Wellness“

Zitronenmelisse auf dem Gelände von Rheinlandkräuter.

Kurt Graaff nimmt uns mit auf einen Rundgang. Es geht vorbei an satten Rhabarber-, blühenden Kamille- und erntereifen Salbeifeldern. Und dann ist da noch Zitronenmelisse. „Zitronenmelisse zu riechen ist wie Wellness“, sagt er und hält einen Moment inne. Dass Graaff mit Leidenschaft und Herzblut bei der Sache ist, ist nicht zu übersehen. Eine eigene Kapelle auf dem Hof, benannt nach Mutter Teresa, hat die Familie zusammen mit Freunden und Bekannten selbst errichtet und im Jahr 2015 eingeweiht – mit dem Bischof und hunderten Anwohnern. Seither steht sie für Jedermann offen und wird gut besucht. Ins Auge fallen auch die Solarzellen, die flächendeckend auf den Dächern der Gebäude angebracht sind. „Wir produzieren viel mehr Energie als wir benötigen. Den überschüssigen Strom speisen wir ins Netz“, so Graaff.

Rechts zu sehen ist die kleine Kapelle des Hofes.

Seine Tochter und sein Sohn wollen alles einmal gemeinsam übernehmen und den Familienbetrieb in nächster Generation fortführen. „Man muss die jungen Leute einfach machen lassen – finde ich zumindest“, ist Graaff überzeugt. Beide Kinder studieren derzeit im landwirtschaftlichen Bereich mit unterschiedlicher Ausrichtung.

Automatisierung, Smartphone und Co.

Derweil investiert die Familie längst in Automatisierung, u. a. bei der Trocknung und Verpackungstechnik. Mit modernen Anlagen lassen sich Dauer, Temperatur und Luftfeuchtigkeit bei der Trocknung der Teekräuter exakt regulieren, sodass etwa ätherische Öle optimal erhalten bleiben. Die bessere Qualität der Kräuter werde vom Markt honoriert. Den ganzen Prozess kann Graaff rund um die Uhr per Smartphone überwachen.

Eine höhere Qualität, beispielsweise der Kamille, zahle sich aus.

Auch wenn Rheinlandkräuter hinsichtlich der Rainforest-Alliance-Zertifizierung in Deutschland ein Pionier ist, bleibt Graaff bescheiden und sieht sich selbst nicht als Ausnahme. Vielmehr sei ein klarer und allgemeiner Trend auf dem deutschen Markt zu beobachten, der zu immer mehr und strengeren Anforderungen und Regulierungen im Anbau führe. Über kurz oder lang würden sich daher Produzenten auf immer höherem Niveau aneinander angleichen. Demnächst steht für Rheinlandkräuter das nächste Audit an – nach dem neuen Rainforest Alliance 2017 Standard. Aber auch da sieht Familie Graaff keine Schwierigkeiten, denn „es ist alles da.“

Kurt Graaff hat davon abgesehen, fotografiert zu werden. Alle Fotos von Adrian Woitzik.

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