Klimaschutz/Rainforest Alliance

„Wichtiger als die Klimakonferenz ist die Umsetzung der Beschlüsse – und die findet das ganze Jahr über statt.“

Im Gespräch mit Klimaexperte Martin Noponen

Martin Noponen führt die Rainforest Alliance-Delegation auf der Klimakonferenz in Bonn an.

Nach dem historischen Abkommen von Paris im Jahr 2015 geht es auf der UN-Klimakonferenz in Bonn darum, wie die getroffenen Vereinbarungen umgesetzt werden können. Rund 25.000 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft wollen hierzu Lösungen finden. Wir haben auf der Klimakonferenz mit Martin Noponen gesprochen, Klimaexperte der Rainforest Alliance und Leiter unserer Delegation in Bonn.

Redaktion: Welche Rolle hat die Rainforest Alliance auf der Klimakonferenz in Bonn?

Martin Noponen: Die Rainforest Alliance ist ein kritischer Beobachter. Wir wollen, dass die Staaten ihren Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen nachkommen und das möglichst schnell. Denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.

Die Rainforest Alliance setzt sich seit 30 Jahren für den Erhalt von Wäldern ein – und Wäldern kommt beim Kampf gegen den Klimawandel eine Schlüsselrolle zu. Wir berichten von unseren Erfahrungen aus der Praxis. Beispielsweise ist seit Juli 2017 unser neuer Agrarstandard für alle Rainforest-Alliance-zertifizierten Farmen bindend. Klimaaspekte sind darin erstmals explizit aufgeführt. Denn Klimaschutz ist für uns ein wesentlicher Bestandteil von Nachhaltigkeit.

Wir haben Pilotprojekte durchgeführt, um klimasmarte Methoden der Landnutzung in verschiedenen Regionen der Welt zu testen. Politik und Wirtschaft können auf unseren Ergebnissen aufbauen und die jeweils geeigneten Verfahren in großem Maßstab umsetzen.

R: Wie bewertest du das Pariser Klimaabkommen? Geht es weit genug?

MN: Es brauchte 21 Klimakonferenzen bis zum Pariser Klimaabkommen – also bis die Staaten eine verbindliche Vereinbarung getroffen haben. Vor diesem Hintergrund sind die dort formulierten Ziele ambitioniert. Wichtiger als die Zielsetzungen und die jährlichen Konferenzen mit gigantischen Teilnehmerzahlen – die so im öffentlichen Fokus stehen – ist jedoch die Umsetzung der Beschlüsse. Und diese findet das ganze Jahr über statt. Dem sollten wir eine höhere Aufmerksamkeit widmen. Derzeit sehen wir, dass die CO2-Emissionen global weiter steigen. Es mangelt also an der Umsetzung.

Hinter den nackten Zahlen, die von Staats- und Regierungschefs genannt werden, steckt ein ganzes Konzert einzelner Maßnahmen, die in Summe zum Ergebnis führen sollen. Doch in zahlreichen Fällen ist noch gar nicht klar, welche Umsetzungsschritte denn nun konkret angegangen werden sollten. Oft soll erst noch definiert werden, worum es wie gehen soll, bevor es an die tatsächliche Umsetzung geht.

Dabei beobachten wir, dass die Politik ihre Verantwortung allzu häufig delegiert und die Umsetzung weitestgehend dem Privatsektor überlässt. Man stelle sich das vor: Mittlerweile müssen Koalitionen von Unternehmen ihre Regierung dazu auffordern, endlich für einen sicheren Fahrplan bei der Umsetzung der Klimaziele zu entwerfen und zu verabschieden, wie das Beispiel der Stiftung 2-Grad in Deutschland wieder jüngst gezeigt hat. Bereits im Jahr 2010 hatte die Initiative von der Bundesregierung die Übernahme von Verantwortung und Handeln im Sinne eines Vorreiters angemahnt. Das ist erschreckend!

Die Politik muss endlich konkrete Anreize definieren und Rahmenbedingungen schaffen. Zum Beispiel sollten Frauen in der tropischen Landwirtschaft gestärkt und gefördert werden. Gleichberechtigung könnte die Produktivität von Farmen in tropischen und subtropischen Erzeugermärkten um 20 bis 30 Prozent erhöhen. Und auch Bildung ist essenziell. Beides sind entscheidende Aspekte im Kampf gegen den Klimawandel.

R: Wie lautet deine Einschätzung: Ist das Ziel, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius zu begrenzen, noch realistisch zu erreichen?

MN: Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man die Situation betrachtet. Pessimisten würden sagen „nein“. Mit dem aktuellen Weg sind wir einer Erderwärmung um 4 Grad Celsius näher als dem 2-Grad-Ziel. Die notwendigen Maßnahmen wie ein Stopp von Entwaldung und nachhaltige Formen der Landnutzung scheinen zu weitreichend zu sein, als dass sie wirklich in großem Maßstab umgesetzt werden würden.

Es gibt aber auch Gründe, um optimistisch zu sein: Der Klimawandel und dessen Folgen sind mittlerweile gut erforscht. Globaler Wissenstransfer und technischer Fortschritt werden zu Verbesserungen im Klimaschutz beitragen. Einzelne Staaten und Unternehmen sollten als gute Beispiele vorangehen. Das Ziel muss es sein, den positiven Einfluss stetig auszuweiten und so ganze Sektoren zu verändern. Ich denke, wir können es schaffen.

Um Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Nachhaltigkeits- und Klimaziele zu unterstützen, hat die Rainforest Alliance zusammen mit anderen internationalen NGOs wie dem WWF und Greenpeace das sogenannte Accountability Framework entworfen. Das Dokument dient als eine Art Werkzeugkiste mit Definitionen, Normen und Verfahren. Gutes Engagement wird damit auch transparent und international vergleichbar. Dieses Konzept diskutieren wir auf der Klimakonferenz öffentlich mit Politik, Wirtschaft und vielen anderen Anspruchsgruppen.

R: Kontrovers sind die Klimagespräche oft zwischen den entwickelten Staaten im Norden und den vom Klimawandel am stärksten betroffenen Staaten im Süden. Wie siehst du diese Gegensätze?

MN: Die Abwehrfähigkeiten gegen die Folgen des Klimawandels unterscheiden sich zwischen dem Norden und dem Süden sehr stark. Diese Kluft sollten wir versuchen gemeinsam zu schließen, damit wir die Auswirkungen von Naturkatastrophen und extremen Wetterbedingungen für die Menschen möglichst minimieren. Wir dürfen nicht vergessen: Die am stärksten vom Klimawandel betroffenen Staaten im Süden haben neben dem Klimawandel noch mit einer Reihe weiterer immenser Herausforderungen zu kämpfen, wie Trinkwasserknappheit, Korruption und Armut. Das macht es für sie nicht einfacher. Wir hingegen haben die Mittel, die Technologien, die wir mit ihnen teilen müssen. Aus globaler Sicht wollen wir natürlich auch, dass sie von unseren Fehlern lernen und profitieren – denn wo in Europa sieht man noch ursprüngliche Wälder?

Eine destruktive Haltung können sich die Staaten des Südens nicht leisten. Klimaschutz und nachhaltige Landnutzung sind in ihrem eigenen Interesse. Ein Großteil der Bevölkerung ist in der Regel auf Wälder und Landwirtschaft für den Lebensunterhalt angewiesen. Was soll aus all diesen Menschen werden, wenn Wälder nicht geschützt und Land nicht nachhaltig bewirtschaftet wird? Es gibt keine Alternative zum nachhaltigen Vorgehen.

Die Abschwächung der Folgen des Klimawandels ist dabei genauso wichtig, wie die Anpassung an das sich verändernde Klima. Derzeit dreht sich vieles darum, etwas zu reduzieren. Aber egal, was wir tun, die Erde wird wärmer und das Klima verändert sich. Die Frage ist nur: wie sehr? Anpassung an den Klimawandel – zum Beispiel in der Landwirtschaft – wird zukünftig noch mehr in den Fokus rücken.

R: Für viele Menschen in Europa ist der Klimawandel ziemlich abstrakt – etwas, von dem sie hören und von dessen Dringlichkeit sie wissen, aber das sie in ihrem Alltag nicht spüren oder beeinflussen können. Stimmt das?

MN: Jeder einzelne von uns ist gefragt. Jeder kann mit seinem Lebensstil einen kleinen Beitrag zur Abschwächung des Klimawandels leisten. Aus vielen kleinen Beiträgen entsteht letztlich eine große Wirkung. Darum muss es uns gehen. Das bedeutet aber auch Veränderungen, zum Beispiel bei unseren Essgewohnheiten. Und auch Lebensmittelverschwendung ist ein ernstes Thema. Da ist die Politik gefragt, die richtigen Anreize zu setzen.

Mit dem Finger auf andere zu zeigen ist aber wenig zielführend. Wir sollten uns eher gegenseitig ermutigen. Wenn wir bewusst handeln und konsumieren können wir Schritt für Schritt positives bewirken. Anders wird es nicht gehen.

Ein Kommentar zu “„Wichtiger als die Klimakonferenz ist die Umsetzung der Beschlüsse – und die findet das ganze Jahr über statt.“

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