Klimawandel/Landwirtschaft/Rainforest Alliance

Klimawandel: „Die größte Herausforderung, die sie je gesehen haben“

Im Gespräch: Dr. Martin Noponen, Klimaexperte der Rainforest Alliance

Am 4. November 2016 trat das Pariser Klimaabkommens in Kraft. Seither geht es darum, auch tatsächlich kollektiv und entschlossen zu Handeln. Die drohende Kehrtwende der US-Klimapolitik ist nur ein Beispiel dafür, wie fragil internationale Übereinkünfte und nationale Absichten häufig sind. Wir befinden uns auf dem Weg, das Ziel zu verfehlen, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius zu begrenzen.

Entscheidende Hebel zur Abschwächung des Klimawandels sind der Erhalt der Wälder und nachhaltigere Formen der Landnutzung. Schon heute sind die Auswirkungen des Klimawandels vielerorts deutlich zu spüren. Wir haben mit Dr. Martin Noponen, Klimaexperte der Rainforest Alliance, gesprochen. Er erzählt von einer der größten Herausforderungen, die Kleinbauer in den Tropen je gesehen haben, weshalb der Kakaoanbau in einer Krise steckt und wann Produkte wirklich nachhaltig sind.

Dr. Martin Noponen, Senior Manager – Climate Landscapes & Livelihoods Programme.

Redaktion: Der Klimawandel ist eines der größten globalen Probleme unserer Zeit. Häufig hört man, dass er sich in den Tropen auf die Landwirtschaft auswirkt, z. B. auf den Kakaoanbau. Müssen wir in Zukunft auf unsere Schokolade verzichten?

Dr. Martin Noponen: Tatsächlich wirkt sich der Klimawandel bereits auf den Kakaoanbau aus. Und das wird weiter zunehmen: extremes und unvorhersehbares Wetter, vermehrte Trockenzeiten, weniger Regenfälle und neue Krankheiten. All das führt in der Landwirtschaft zu geringeren Erträgen. Farmer realisieren, dass sich das Klima verändert und dass ihr Leben und ihre Umwelt davon betroffen sind.

Wir arbeiten mit Kakao-Farmern zusammen, zum Beispiel in Westafrika und in Indonesien, und helfen ihnen, ihre Farmen an den Klimawandel anzupassen. Wir bezeichnen das als klimasmarte Landwirtschaft. Wir richten ihren Fokus auf Methoden, die dabei helfen, die Farm widerstandsfähiger gegenüber klimatischen Veränderungen zu machen. So bleibt ihre Lebensgrundlage erhalten, und wir können Schokolade auch in Zukunft genießen.

R: Die Rainforest Alliance setzt sich für nachhaltige Landwirtschaft ein. Du aber sprichst von klimasmartem Anbau. Was genau ist damit gemeint?

MN: Klimasmarte Landwirtschaft ist ein Teil unseres Verständnisses von Nachhaltigkeit. Damit ist kein starres Konzept oder eine völlig neue Art von Landwirtschaft gemeint. Es ist eher ein flexibler Ansatz, der verschiedene Agrarmethoden mit dem Fokus auf Klimaaspekte kombiniert. Wir betrachten die Farm oder Farmergemeinde sozusagen mit einer Klima-Brille. Daraus ergeben sich konkrete Handlungen für eine bestimmte Situation, ganz individuell. Wir geben Farmern das Wissen und die für sie sinnvollen praktischen Schritte an die Hand, damit sie sich an neue Bedingungen anpassen können.

Welche Schritte das sind, unterscheidet sich je nach Region, Ökosystem, Klima und Vegetation. Einige klimasmarte Dinge funktionieren aber fast überall. Zum Beispiel Diversifizierung, also der Anbau verschiedener Rohstoffe auf einer Farm. Wenn Farmer auf verschiedene Einkommensquellen setzen, minimieren sie auch klimabedingte Risiken. Andere Dinge, die sich in vielen Regionen erfolgreich anwenden lassen, sind Kompostierung, Techniken zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und Systeme zur Wasserspeicherung für Trockenzeiten.

Daraus ergeben sich eine Reihe positiver Effekte. CO2-Emissionen lassen sich reduzieren, indem zum Beispiel Dünger effizienter eingesetzt wird. Eingriffe in bewaldete Flächen werden verhindert und stattdessen Agroforstsysteme gefördert. Hierfür werden einheimische Bäume auf den Farmen gepflanzt. Denn einheimische Arten sind häufig resistenter gegenüber Klimaveränderungen und helfen der lokalen Artenvielfalt.

Blick auf eine Rainforest-Alliance-zertifizierte Kakaofarm in der Côte d’Ivoire. Foto: Noah Jackson

R: Gibt es konkrete Beispiele? Wie kann Anpassung an den Klimawandel in der Praxis aussehen?

MN: Die Möglichkeiten sind von den lokalen Umständen abhängig. In Indonesien beispielsweise haben Farmer vermehrt mit Dürren zu kämpfen. Die Trockenheit wirkt sich negativ auf ihre Erträge aus. Deshalb ist es sinnvoll, dass Farmer Leguminosen (Hülsenfrüchte) als Bodendecker pflanzen. Das hilft, den Nährstoffgehalt und die Struktur der Böden zu verbessern. Zusätzlich pflanzen sie Schattenbäume, um Hitzestress für die Pflanzen zu vermeiden und Schäden durch starke Regenfälle möglichst zu minimieren. Farmer kontrollieren ihre Kakaopflanzen auf Krankheitsbefall und kompostieren jetzt. Sie sind nicht mehr auf relativ teure synthetische Düngemittel angewiesen, die zudem CO2–Emissionen verursachen.

Wichtig bei all dem ist, dass diese Maßnahmen auch zur Steigerung der Produktivität beitragen, damit die Farm rentabler wird. Wir möchten nicht nur die Anbauweise der Farmer verändern, sondern auch ihr Einkommen verbessern. Indem sie zusätzlich zum Kakao weitere Rohstoffe kultivieren, Honig aus Bienenzucht gewinnen oder sogar Nutztiere halten, setzt sich ihr Einkommen vielfältiger zusammen und wird so weniger anfällig für Klimaveränderungen und schwankende Weltmarktpreise.

Kakaofarmer in Ghana legt Kakaobohnen zum Trocknen aus. Foto: Marcus Schaefer

R: Aber die Rainforest Alliance garantiert zertifizierten Farmern keine Mindestpreise. Welchen Nutzen haben also die Kakaobauern am Ende wirklich davon?

MN: Wir müssen bedenken, dass es das Interesse der Farmer ist, produktive, profitable und langfristig überlebensfähige Betriebe aufzubauen. Für sie geht es darum, ihre Lebensgrundlage für die Zukunft zu sichern, insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels. Der SAN-Standard, der die Grundlage der Rainforest-Alliance-Zertifizierung ist, unterstützt sie darin. Ökologische und soziale Aspekte im Anbau werden dabei berücksichtigt, was den Farmern wiederum auch zu Gute kommt. Denn damit verbessern sie die Qualität ihrer Ernte. Die Art und Weise, wie sie ihre Rohstoffe anbauen, macht einen signifikanten Unterschied. Das Ergebnis können höhere Erträge, bessere Qualität und letztlich auch ein höheres Einkommen sein. Durch die Zertifizierung profitieren Farmer nicht zuletzt auch vom verbesserten Zugang zu neuen Märkten. So erzeugen Rainforest-Alliance-zertifizierte Kakaofarmer ein widerstandsfähigeres Kakao-System und für sich und ihre Familien langfristig nachhaltigere Lebensgrundlagen.

R: In Deutschland spricht man in der Regel vom „Fairen Handel“. Aber viele weitere Aspekte spielen scheinbar eine wichtige Rolle. Sollten wir Deutschen unser Verständnis von verantwortungsvoll hergestellten Produkten wie Schokolade ergänzen?

MN: Die Kakaoproduktion erlebt derzeit eine Krise: Der Klimawandel und schlechte Anbaumethoden haben dazu geführt, dass die geeigneten Landflächen für den Kakaoanbau in den vergangenen vier Jahrzehnten um 40 Prozent geschrumpft sind. In der Côte d’Ivoire und in Ghana, den zwei größten Kakaoproduzenten der Welt, leben über eine Million Kleinfarmer und Familien vom Kakao. Deshalb ist es umso wichtiger, ihren Anbau nachhaltiger zu machen.

Um aber wirklich nachhaltig zu wirtschaften, müssen wir alle Facetten der Kakaokultivierung betrachten. Ohne den Klimawandel zu berücksichtigen, bleiben Farmer anfällig für neue Wetterphänomene. Ohne den Schutz natürlicher Ressourcen können Gewässer, Böden und Bestäuber – von denen Kakao abhängig ist – Schaden nehmen. Und ohne produktive und langfristig überlebensfähige Kakaofarmen haben Farmer und ihre Familien keine nachhaltige und profitable Lebensgrundlage. Also ja, es ist absolut notwendig, dass wir „nachhaltigen Kakao“ ganzheitlich verstehen. Daran knüpft der Ansatz der Rainforest Alliance an, zum Schutz der Artenvielfalt, für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung und zum Schutz von Arbeiterrechten. Verbraucher erhalten letztlich eine wirklich nachhaltig erzeugte Schokolade.

R: Wenn Du im Feld mit den Farmern sprichst: Was erzählen sie, sind ihre größten Schwierigkeiten? Was hat sich für sie durch klimasmarte Projekte verändert?

MN: Farmer sind mit den größten klimatischen Herausforderungen konfrontiert, die sie je gesehen haben. Syamsuddin ist ein gutes Beispiel, ein Kakaofarmer auf Sulawesi, einer Insel Indonesiens. Ihm fiel auf, dass die Regenzeit immer kürzer und dafür die Trockenzeit immer länger wurde – mit schlechten Folgen für seine Farm. Er sagte mir „meine Missernte wird größer und meine Pflanzen sind vermehrt von Krankheiten befallen. Einige Krankheiten sind neu. Ich habe sie nie zuvor gesehen”. Zuerst dachte er, das Wetter würde sich schon wieder normalisieren. Syamsuddin war einer von 8.000 Kleinfarmern in Sulawesi, die an unseren Workshops zu klimasmarter Landwirtschaft teilgenommen haben. Jetzt versteht er, dass dies die neue Realität ist und dass er sich dringend anpassen muss.

Studien sagen, dass extreme Wetter in Indonesien in den kommenden Jahren zunehmen werden. Höchst wahrscheinlich wird Sulawesi von Wasserknappheit betroffen sein. Das wird die Kakaopflanzen schwächen und sie anfälliger für Schädlinge und Krankheitsbefall machen. Beides könnte in dieser Region um bis zu 45 Prozent zunehmen. Und das wiederum könnte die Kakaoerträge halbieren. Umso entscheidender, dass Farmer wie Syamsuddin klimasmarte Methoden lernen und anwenden.

In Schulungen und mit technischer Unterstützung vermitteln wir Farmern nachhaltigere und klimasmarte Landwirtschaft. Farmer wie Syamsuddin haben gelernt, dass ihre synthetischen Dünger CO2-Emissionen verursachen und dazu beitragen, ihre Klimaprobleme zu verschlimmern. Syamsuddin sammelt nun biologische Abfälle auf seiner Farm und kompostiert sie. So verringert er seinen Bedarf an anderen Düngemitteln. Er hat auch begonnen, Mahagoni-Blätter und andere medizinische Pflanzen zu nutzen, um Schädlinge und Krankheitsbefall mit natürlichen Mitteln zu bekämpfen. Er pflanzt Hülsenfrüchte als Bodendecker, um den Nährstoffgehalt des Bodens zu verbessern. Um mit heftigen Regenfällen besser zurecht zu kommen, legt er Gräben auf seiner Farm an.

Eine weit verbreitete Fehlinformation unter den Farmern ist, dass Schattenbäume den Kakaobäumen Wasser und Nährstoffe rauben würden. Deshalb entfernen viele Farmer diese Bäume von ihrem Land. Sie müssen wissen, dass das richtige Verhältnis von bestimmten Schattenbaumarten auf der Farm ihnen helfen kann, die schädlichen Auswirkungen durch Trockenheit, Hitze und massive Regenfälle zu reduzieren. Auch Syamsuddin hat nun Schattenbäume gepflanzt.

Er hat aber nicht nur seinen Anbau verändert. Er teilt sein Wissen mit seinen Nachbarn. Er rät ihnen: „Seid geduldig, hört nicht auf zu lernen.“ Er ist sich der globalen Zusammenhänge durchaus bewusst. Mir sagte er einmal: „Wenn Farmer müde werden, sich diesen Herausforderungen zu stellen, und aufgeben, wird es in Zukunft keine Schokolade mehr geben.“

Mehr Informationen zum klimasmarten Ansatz der Rainforest Alliance gibt es hier.

Ein Kommentar zu “Klimawandel: „Die größte Herausforderung, die sie je gesehen haben“

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