Rainforest Alliance/SAN

Können Zertifizierungen für nachhaltige Landwirtschaft etwas bewirken?

Von Ana Paula Tavares und Andre de Freitas

Ana Paula Tavares, Executive Vice President der Rainforest Alliance

Ana Paula Tavares, Executive Vice President der Rainforest Alliance

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Zertifizierungen die Art und Weise verändert haben, in der viele Rohstoffe in den Tropen angebaut werden. Aber sie ist kein Allheilmittel und war auch niemals als solches gedacht. Im großen Maßstab betrachtet füllt die Zertifizierung eine beeindruckende Liste von positiven Auswirkungen. Probleme und schlechte Praktiken werden jedoch umso deutlicher sichtbar.

Im Dezember 2015 haben das SAN und die Rainforest Alliance ihren „Impacts Report“ veröffentlicht. Dieser belegt, wie schnell sich zertifizierte Farmen eine nachhaltigere Anbauweise angeeignet und im Laufe der Zeit immer weiter verbessert haben. Die Ernten fallen höher aus, weil nachhaltige Bewirtschaftungsmethoden auf den vorhandenen Flächen angewendet werden. Das führte zu besserer Produktqualität und höherer Produktivität. Weitere Resultate waren ein höheres Einkommen, bessere Ausbildungsmöglichkeiten für Kinder, geringere Entwaldungsraten, mehr Bäume und Artenvielfalt, erhöhte Widerstandskraft gegenüber dem Klimawandel, gesündere Böden, bessere Wasserqualität und intakte Ökosysteme.

Zertifizierungen sind kein Allheilmittel und waren niemals als solches gedacht

Andre de Freitas, Executive Director des SAN - Sustainable Agriculture Network

Andre de Freitas, Executive Director des SAN – Sustainable Agriculture Network

Aber der Report zeigt auch, wo Verbesserungen nötig sind, wie zum Beispiel beim sachgerechten Umgang mit Pflanzenschutzmitteln und Abfällen oder bei der Bereitstellung von angemessenen Wohnmöglichkeiten für Arbeiter. Diese Dinge sind in bestimmten Regionen für bestimmte Anbauarten noch nicht zufriedenstellend gelöst. Es zeigte sich jedoch, dass zertifizierte Farmen Probleme in den meisten Fällen beheben konnten, wenn sie einzelne Kriterien des SAN-Standards nicht erfüllt haben.

Zertifizierungen können niemals den Status der Perfektion erreichen.

Aber warum ist der Standard nicht zu 100 Prozent erfüllt? Warum gibt es überhaupt noch Abweichungen? Zertifizierungen können niemals den Status der Perfektion erreichen. Sie sind ein System von gegenseitiger Kontrolle, das verbesserte Praktiken belohnt, während es nicht nachhaltige Praktiken erkennt und korrigiert. Weil sich Zertifizierungen global ausweiten, verbessern sich die Anbaupraktiken auf immer mehr Farmen. Aber unausweichlich muss man sich zunächst mit mehr Fällen von schlechter Bewirtschaftung auseinandersetzen. Diese auszumerzen braucht Zeit.

Die Ausgangslage mancher Farmen wird begleitet von für ihre Region typischen tiefwurzelnden Problemen, wie zum Beispiel weitverbreiteter Armut oder einer Tradition der Kinderarbeit auf kleinen Familienfarmen. Andere haben mit fehlenden Geldern oder Kreditgebern zu kämpfen und können deswegen keine Fortschritte erzielen.

In ihrer Konzeption ist die Zertifizierung ein sich ständig wiederholender Prozess, der die Produzenten auf eine lange Reise mitnimmt, auf der sie fortlaufend ihre Anbaumethoden verbessern.

Was ist mit dem Rest der Ackerflächen auf unserer Erde?

Weltweit werden zurzeit rund 1,5 Milliarden Hektar Land landwirtschaftlich genutzt. Dazu kommen rund 500 Milliarden Hektar geschädigter Anbauflächen – die meisten von ihnen brachliegend – die wieder fruchtbar gemacht werden könnten. Das entspricht mindestens der doppelten Fläche der gesamten zertifizierten Landwirtschaft.

Natürlich reicht eine Zertifizierung allein nicht aus, um diese Anbauflächen an nachhaltige Produktionsformen auszurichten. Sie ist jedoch ein wertvolles Werkzeug: Sie beweist, dass Ernteerträge auf existierenden Anbauflächen durch nachhaltige Landwirtschaft erhöht werden können. Das ist auch nötig, um den steigenden Anforderungen genügen und Mitte dieses Jahrhunderts 9 Milliarden Menschen ernähren zu können, ohne dass dies zu Lasten der Wälder oder anderer Ökosysteme geht. Um aber den gesamten landwirtschaftlichen Sektor in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen, müssen Zertifizierungen und ihre Prinzipien in andere Ansätze eingebunden werden.

Dazu gehören Unternehmen, die interne Beschaffungsverpflichtungen festlegen und Audits in ihrer Lieferkette durchführen. Lieferketten-Audits in Unternehmen stoßen aber auch an ihre Grenzen. Sie sind als Maßnahmen nicht ausreichend, um nachhaltige Anbauweisen zu globalisieren. Sie adressieren jedoch Umweltprobleme und Arbeiterfragen und reduzieren die Rolle des Staates zugunsten unternehmerischer Selbstkontrolle.

Zertifizierungen sind kein Ersatz für staatliches Engagement

Der Ausbau staatlicher Regelungen, Überprüfungsmechanismen und Ausbildungsprogramme bleibt ein bedeutender Teil des großen Puzzles nachhaltiger Landwirtschaft. Zertifizierungen können kein Ersatz sein für staatliches Handeln; beides sollte sich gegenseitig unterstützen.

Die Rainforest Alliance und die weiteren Mitglieder im SAN arbeiten mit nationalen und regionalen Behörden in den anbauenden Ländern zusammen, binden sie in die lokale Zertifizierungsarbeit ein und schaffen Verbindungen zu lokalen Banken, Finanzen und Versicherungen. Gemeinsam können Schulungsprogramme erstellt und Anreize geschaffen werden, um Barrieren und Kosten zu senken. Sie helfen Kleinbauern, Zugang zu Krediten und Förderprogrammen zu erhalten und nachhaltige Anbauweisen zu fördern.

Es braucht einen integralen, auf ganze Landschaften ausgerichteten Nachhaltigkeitsansatz, der über einzelne Farmen oder Farmgruppen hinausgeht. Sie existieren schließlich nicht in einem Vakuum. Damit Dorfgemeinschaften und einzelne Farmer nachhaltig wirtschaften können, müssen sie Teil eines tragfähigen Netzes aus nachhaltig bewirtschafteten Farmen, Wasserwegen, Wäldern und anderen Ökosystemen sein.

Keiner dieser Ansätze wird konventionelle Anbaumethoden auf Millionen von Quadratkilometern wie von Zauberhand beseitigen. Aber das sollte uns nicht daran hindern, die Werkzeuge einzusetzen, die wir haben und selbst an die schwierigsten, problematischsten landwirtschaftlichen Gebiete heranzugehen und so den gesamten Sektor auf eine Schiene der Nachhaltigkeit zu bringen.

Schließlich handelt es sich nicht um ein Spiel oder ein Laborexperiment, das wir lediglich auf Gebiete mit bestimmten Voraussetzungen beschränken können. Landwirtschaft ist die menschliche Tätigkeit mit den weitreichsten Auswirkungen auf unseren Planeten.

Wir können uns den Luxus nicht leisten, die Gebote der Nachhaltigkeit an die Zweckmäßigkeiten der Geschäftswelt, staatlichen Stellen oder sogar Zertifizierungsregelungen anzupassen. Wir müssen zusammenkommen, um sie zu überwinden. Wir müssen die Landwirtschaft weltweit mit den nicht verhandelbaren Grenzen der Nachhaltigkeit in Einklang bringen, die unser Planet uns vorgibt.

ra-mission-business-1-deDen vollständigen Beitrag im Original gibt es hier.

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