Rainforest Alliance

Der Baum: Eine Liebesgeschichte.

Gedanken einer Frau über einen alten Baum vor ihrem Haus

Von Laura Jamison

Der Baum neben meinem Haus stirbt ab. Jetzt steht er noch kerzengerade da: Ein stolzer, grauer Obelisk mit Ästen, dick und herausfordernd am unteren Ende und zart und zerbrechlich an seinen Spitzen. Im Frühjahr sprießen frohgemut einige wenige grüne Blätter auf den ansonsten vertrockneten Zweigen. Es ist eine Geste des Optimismus, die mich berührt – und ein kleines bisschen bricht es mir das Herz.

Der alte Nadelbaum (Konifere) ist etwa 12 Meter hoch und steht keine fünf Meter entfernt vor unserem Haus. Wenn ihn ein Sturm umblasen würde, würde er sehr wahrscheinlich ein Loch in das Dach unseres kleinen, über 150 Jahre alten Bauernhauses reißen. Und doch haben mein Mann und ich noch nichts unternommen, um den Baum entfernen zu lassen. Zum Teil liegt das daran, dass wir eine Abneigung gegen teure Maßnahmen zur Kapitalsteigerung haben und zum Teil daran, dass wir ein Talent zum „Kopf in den Sand stecken“ besitzen: Wir tun so, als ob wir nicht wüssten, dass eine Reparatur des Daches viel teurer werden würde als das Fällen des Baumes.

Aber es gibt noch einen Grund, warum wir den Baum nicht fällen lassen: Er ist ein Teil unseres Lebens geworden. Er ist quasi ein Familienmitglied. Meine Söhne können sich nicht an eine Zeit erinnern, in der der Baum noch nicht da stand – er war schon immer da, wie eine weise, alte Tante, die bei Familienfeiern immer still im Hintergrund sitzt. Er diente als „Basis“ für unzählige Versteckspiele. Der Osterhase hängte seine bunt verhüllten Schokoeier an die Zweige. Die Jungs haben mit Klebeband Zielscheiben auf seinen Stamm geklebt, um mit Pfeil und Bogen zu spielen.

Sie denken gar nicht über den Baum nach oder darüber, was er für sie bedeutet. Wir als Eltern mittleren Alters aber wissen: Erst wenn etwas scheinbar Selbstverständliches verschwindet, merkt man, wie sehr man mit ihm verbunden war. Mir ist klar, dass meine Kinder wahrscheinlich nicht ihre mythische Unschuld verlieren werden, wenn ein alter, toter Baum gefällt wird. Aber darauf lasse ich es gar nicht ankommen. Und so steht der hochragende immergrüne Baum noch da.

Unser Haus steht in den Catskill Mountains nördlich von New York, einer ländlichen Gegend, die noch vor einigen Jahrzehnten von Milchbauernhöfen geprägt war. Die Nachkommen dieser Bauern haben kein leichtes Auskommen; sie arbeiten in Verwaltungsjobs oder verkaufen Bio-Marmelade und Seife an Wochenendurlauber aus der Stadt. Wenn man von New York City die sich durch die Landschaft schlängelnde zweispurige Autobahn hochfährt, liest man Schilder wie „ehemaliger Standort von Arena“ oder „ehemaliger Standort von Shavertown“. Diese Schilder sind Grabsteine: Zwischen 1947 und 1957 setzte die Stadtverwaltung New Yorks diese Städtchen unter Wasser, um den Pepacton-Stausee zu schaffen, der die Metropole mit Wasser versorgt. Einheimische sprechen darüber immer noch mit Verbitterung.

In vielerlei Hinsicht ist es eine Landschaft des Verlustes und des Sterbens. Und doch besitzt sie einen großen Reichtum und hat viel zu bieten: Das Catskill Wald-Reservat ist ein über 100.000 Hektar großes Naturschutzgebiet. Wanderwege ziehen sich durch die Berge und lassen zahllose Wanderer die spirituelle Nahrung ernten, die nur ein Wald bieten kann: Seine besondere Schönheit und Ruhe.

Selbst wenn wir zu Hause sind, erhalten wir die Geschenke des Waldes: Bäume reinigen die Luft, saugen belastende Abgase fossiler Brennstoffe auf und lassen uns im wahrsten Sinne des Wortes aufatmen. Wenn ich durch diesen Wald wandere, fühle ich mich klein und unbedeutend und das macht mich glücklich. Ein Schamane des ekuadorianischen Amazonasgebietes erzählte einmal einem meiner Kollegen, dass in der Tradition seines Volkes der Kapok-Baum (Ceiba Pentandra) als „Vater aller Tiere“ angesehen wird. Der Wald als Stammvater ist für mich ein schönes Sinnbild.

Trauriger Weise verhalten sich einige Menschen wie Drogensüchtige, die im Begriff sind, unseren Nachkommen dieses Erbe zu stehlen. Das Gefühl, nicht so wichtig zu sein, macht mich bescheiden und auf gewisse Art und Weise bin ich auch erleichtert. Wir Menschen sind nicht so bedeutend, wir haben in der Entwicklungsgeschichte der Erde bisher einfach Glück gehabt.

Mein ängstliches Mutterherz möchte, dass meine Kinder niemals Verluste erleiden sollen. Niemals mit dem Klimawandel konfrontiert werden. Oder Krieg. Oder Rassismus. Oder Tod. Oder Angst. Natürlich weiß ich, dass das nicht nur unrealistisch ist sondern auch starrköpfig. Verlust lehrt uns, dass wir in einem Zustand der Gnade leben. Nachdem man seine Wunden geleckt hat und trauert, versteht man erst das ganze Ausmaß dessen, was man einst gehabt hat. Und noch wichtiger, dass man in diesem Moment Geschenke erhält, die einem nicht bewusst sind oder dass man sie nur am Rande wahrnimmt, aber für selbstverständlich hält. Geschenke wie diese, die uns der Wald jeden Tag macht. Heute und hoffentlich auch noch morgen.

Dieses Jahr werden wir uns wahrscheinlich von unserem lieben alten Baum verabschieden müssen. Und danach, denke ich, werden wir einen neuen pflanzen. Nur dieses Mal ein bisschen weiter entfernt von unserem Haus.

tumblr_forest (2)Laura Jamison ist redaktionelle Mitarbeiterin bei der Rainforest Alliance.

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