Studie

Weg vom Standard mit globalem Anspruch? Ein Gedankenspiel

Ökosysteme sind im globalen Vergleich so vielfältig wie das Leben, das sie beherbergen. Bleiben sie intakt, so sind sie – ob zu Wasser (aquatische Ökosysteme) oder zu Land (terrestrische Ökosysteme) – echte Hotspots der Biodiversität. Ihre komplexen und natürlichen Zusammenhänge erschließen sich uns dabei oft nur ungenügend. Das Engagement von Organisationen, die sich für ihren Erhalt einsetzen, ist vielzählig – bei einigen erkennbar durch Zertifizierungen und Siegel. So auch beim SAN-Standard für Nachhaltige Landwirtschaft, der Grundlage für Rainforest Alliance Certified™. Er umfasst strenge Anforderungen im ökologischen, sozialen und ökonomischen Bereich. Indem zertifizierte Land- und Forstwirtschaftsbetriebe die Anforderungen des SAN-Standards erfüllen, führen sie ihren Betrieb nachhaltig und verantwortungsbewusst und schützen die Umwelt und Artenvielfalt ihrer Heimat.

Angesichts der beeindruckenden Vielfalt von Ökosystemen und ihren unterschiedlichsten klimatischen Gegebenheiten könnte die Effektivität von global angelegten Standards angezweifelt werden. Auch eine Studie der Georg-August-Universität Göttingen stellt in Frage, ob dadurch Ziele wie der Erhalt der Artenvielfalt und die Anpassung an den Klimawandel in jeder Region bestmöglich erreicht werden können. In Konsequenz fordern die Wissenschaftler eines: Standards, die an jeweilige lokale Bedingungen angepasst sind.

Die nicht abwegige Forderung der Wissenschaftler beschwört jedoch in der Praxis einen paradox erscheinenden Konflikt herauf: Zwischen der Umsetzung bestmöglicher Praktiken vor Ort und den Vorstellungen von Verbraucherseite. Der Verbraucher wünscht sich häufig aufgrund der Vielfalt existierender Siegel – ob fair, nachhaltig oder Bio – eine Vereinfachung des Systems, wie beispielsweise durch die Einführung eines neuen Labels, welches die Vielzahl an erdenklichen sozialen, ökologischen und ökonomischen Anforderungen glaubwürdig vereint. Dadurch erhoffen sich Verbraucher Sicherheit bei der flächendeckenden Einhaltung der Standards und geben einen Teil ihrer Verantwortung beim bewussten Konsum ab.

Statt einer Orientierung von globalen Standards hin zu lokal verankerten Kriterien, wäre dies jedoch ein Schritt zu größerer Verallgemeinerung, der zwar dem Konsumenten den Einkauf erleichtert, die Wirkungen vor Ort jedoch außer Acht lässt. Lokal ausgerichtete Standards hingegen würden womöglich bessere Effekte in Anbaugebieten erzielen, jedoch die Vielfalt an unterschiedlichen Standards und Siegeln auf dem Markt nochmals erhöhen und letztlich noch mehr Kenntnisse vom Verbraucher erfordern.

Eines scheint bei diesem Gedankenspiel sicher: Sollten sich Standards hin zu lokalen Bedingungen aufspalten, kann unsere Beurteilung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Kriterien nicht länger aus unserem eigenen Kontext heraus erfolgen. Vielmehr müssen wir uns auf fremde Kulturen einlassen und in den jeweiligen Maßstäben messen. Ansonsten würden individuell angepasste Kriterien – trotz ihrer vermeintlich effektiveren Wirkung – unweigerlich in Kategorien wie streng oder weniger streng und glaubwürdig oder unglaubwürdig eingestuft werden. Unsere Perspektive, von der aus wir Dinge beurteilen, ist ein zentrales Hindernis, an dem zukünftig lokal angepasste Standards scheitern könnten.

Nicht nur die Weiterentwicklung der Standards, sondern auch die Wirkungen die mit ihnen erzielt werden, brauchen die Unterstützung der Verbraucher. Verantwortung beim Konsum lässt sich dabei nicht einseitig delegieren. Bewusstes Konsumverhalten erfordert die Bereitschaft, sich über verschiedene Möglichkeiten des nachhaltigen und fairen Konsums zu informieren und sich von vereinzelten kritischen Berichten nicht entmutigen zu lassen. Letztendlich bleiben zertifizierte Produzenten, Standard-setzende Organisationen und bewusste Verbraucher in ihrer Mission für mehr Nachhaltigkeit miteinander verbunden und streben gemeinsam nach den gleichen Zielen.

Und der Beitrag der Rainforest Alliance bzw. des SAN um dieses Paradoxon aufzulösen?
Local Interpretations Guidelines. Richtlinien, die helfen die Kriterien des Standards auf die lokalen und teils sehr speziellen Eigenheiten anzupassen. Das rigorose Set an Kriterien des Standards bleibt in seiner Strenge und Umfänglichkeit bestehen. Es erfüllt also den Anspruch der Allgemeinheit, wird aber durch die Guidelines sowohl für Kleinbauern in West-Afrika ebenso partiell passend wie für größere Plantagen in Mittel- und Südamerika. Mit diesem Ansatz versucht die Rainforest Alliance zusammen mit ihren Schwester-NGO’s im SAN eine Brücke zu schlagen von den Anforderungen der Konsumentenländer zu den Prämissen der Erzeugerländer, von unserer Vorstellung einer idealen Welt zu dem echten Leben der Farmer.

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