Landwirtschaft/Rainforest Alliance

Die unterschätzte Rolle der Frau im Kakaosektor

Während sogar in Deutschland darüber diskutiert wird, ob eine gesetzliche Frauenquote nötig sei, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen, müssen Frauen in den ländlichen Regionen entlang des Tropengürtels sogar für die tägliche Teilhabe am sozialen Leben streiten. Sarah Fadika arbeitet mit am Kakaoprogramm der Rainforest Alliance. Wenn sie nicht gerade von ihrem Schreibtisch in London aus Projektarbeit leistet, ist sie in den Kakaoanbauregionen Westafrikas unterwegs und erfährt so auch aus erster Hand, welche Herausforderungen und Hürden die Frauen dort zu nehmen haben. Heute erzählt sie uns davon…

„Die Genderdebatte wird auch in der Kakaoindustrie immer hitziger geführt. Viele Initiativen in der Branche werden neu gegründet, um Frauen in ihrer Teilhabe an der Kakaowirtschaft und im Haushalt im Allgemeinen zu fördern. Wenn in Westafrika (namentlich der Côte d‘Ivoire) nur 7% der Beteiligten in unserem Pilotprojekt Frauen sind, bedeutet das nicht, dass Frauen keine Rolle in der Kakaowirtschaft des Landes spielen würden. Im Gegenteil: Die Rolle der Frau in der Qualitätssicherung innerhalb der Kakaoproduktion ist durchaus wichtig, aber sie wird weder anerkannt noch wird den Frauen eine eigene Stimme gegeben. Sie werden nur als weitere helfende Hände wahrgenommen, anstatt ihnen eine aktivere, gestaltende Funktion zu geben.

Hauptsächlich beschränkt sich die Rolle der Frau in den ländlichen Gemeinden auf den Haushalt, das Helfen auf den Bauernhöfen und die Kindererziehung. Dabei kann die Bedeutung von Frauen für die Wirtschaft gar nicht überbewertet werden. Eine stabile Lebensmittelversorgungskette baut in hohem Maße auf die Verlässlichkeit und das Engagement von Frauen auf. Frauen haben einen großen Einfluss auf die Lebensmittelsicherheit. Sie sind sehr dynamisch und bieten eine Versorgung mit Grundnahrungsmitteln in ländlichen Märkten und Städten oft mit sehr wenig Mitteln.
Die Frauen, die ich treffe, sind wirklich interessiert am Zertifizierungssystem der Rainforest Alliance und ihrer Partner — und besonders an den Modulen für eine höhere Produktivität. Der Grund, warum so wenige Frauen direkt an Schulungsmaßnahmen und den  Programmen teilnehmen, ist oft auf die  Tatsache zurückzuführen, dass Frauen in den ländlichen Gebieten der Zugang zu Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, zum Beispiel Bildung, verwehrt bleibt und ihnen auch keine Verantwortung zugetraut wird.

Die meisten Frauen, die wir treffen und die ihren eigenen Hof bestellen, sind Witwen, oder sie haben den Hof von ihren Eltern geerbt. Bislang haben unsere Programme nur wenige Frauen angezogen, die von sich aus geschäftstätig wurden. Aber wir sind stolz darauf, dass die Frauen, die wir bisher getroffen haben, sehr oft die Debatten-Führer sind und ihr gelerntes Wissen so weiterverbreiten.

Sich auf die Zertifizierung vorzubereiten ist zeit- und arbeitsintensiv. Techniken, die den Pflanzen helfen, sich zu regenerieren, der richtige Beschnitt, Kompostierung und eine „hygienische“ Ernte sind sehr aufwendig und teuer. Diese Techniken sind deswegen so kostenintensiv, da extra Arbeitskräfte eingestellt werden müssen. Nicht alle Bauern können sich das leisten. Bäuerinnen müssen oft mehr Personal anstellen, da zum Beispiel das Ausbringen von Agrochemikalien für Frauen besondere Risiken birgt: Unfruchtbarkeit ist nur eine potentielle gesundheitliche Folge. Frauen sehen sich also einem Dilemma gegenüber. Sie selbst sollen bestimmte gesundheitsgefährdende Aufgaben besser nicht machen, können es sich aber auch nicht leisten, jemanden dafür einzustellen. Viele der männlichen Bauern spotten und diskriminieren Frauen deswegen zusätzlich.

Unsere Erfahrung hat uns gezeigt, dass kulturelle Barrieren von alleine fallen, wenn Frauen erstmals wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangt haben.
Eine der sozioökonomischen Dimensionen und Herausforderungen für die aktuelle Kakaowirtschaft ist die Produktivität. Die gezielte Förderung von weiblichen Kakaobauern und Arbeitern könnte eine verbesserte Produktivität und mehr Nachhaltigkeit in der Kakaoproduktion bedeuten. Frauen unterstützen die Aufrechterhaltung der Qualität der Ernte und helfen beim Beschnitt, der Fermentation und der Trocknung – den  wesentlichen Praktiken, um die Erträge der Farm nachhaltig zu gewährleisten.

Inzwischen ist den Regierungen bewusst geworden, wie wichtig es ist, den Mädchen den Weg zur Bildung zu ebnen. Es ist jedoch ein langer Prozess, und es wird dauern, bis die Rolle der Frau in den Köpfen der westafrikanischen Gesellschaften eine andere geworden ist. Aus der Erfahrung in der Côte d’Ivoire speist sich meine Hoffnung, dass Frauen durch eine unterstützende Gesetzgebung Anreize gegeben werden, wirtschaftlich aktiv und unabhängig zu sein. Sie brauchen einen besseren Zugang zu den Märkten und Krediten. Sobald Frauen wirtschaftlich unabhängig sind, investieren sie weiterhin konsequent in ihre Zukunft und die ihrer Kinder.

2 thoughts on “Die unterschätzte Rolle der Frau im Kakaosektor

  1. Pingback: Starke Frauen für gleiche Chancen | The Frog Blog Deutsch

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