Landwirtschaft

11 Merkmale der Landwirtschaft im Anthropozän

Am 8. November 2013 organisierten Nescafé, die größte Kaffee-Marke weltweit, zusammen mit der Hochschule St. Gallen die Veranstaltung “Farming Forward”, was in etwa “Landwirtschaft vorwärts!” bedeutet. Chris Wille, Chef der Abteilung nachhaltige Landwirtschaft der Rainforest Alliance sprach dort über die Zukunft der tropischen Landwirtschaft. Die Rainforest Alliance und andere Mitglieder des Netzwerkes für Nachhaltige Landwirtschaft (SAN) bilden als Beitrag zum Nescafé-Plans Kaffeebauern in nachhaltige Landwirtschaft aus.

„In den frühen Neunzigern entwickelten einige zukunftsorientierte NGOs in Lateinamerika die erste umsetzbare Definition einer nachhaltigen tropischen Landwirtschaft. Diese Pioniere arbeiteten zusammen mit Landwirten, Wissenschaftlern und vielen anderen Betroffenen. Das Ergebnis waren Leitlinien für landwirtschaftliche Betriebe, die alle drei Säulen der Nachhaltigkeit umfassten – Menschen, Planet und Wohlstand. Mit der Umsetzung dieser Regeln wirtschaften landwirtschaftliche Betriebe im Einklang mit der Natur, respektvoll zu den Menschen und wirtschaftlich erfolgreich.
Für die Farmen bedeutet das:

  • einen Management-Plan zu haben,
  • die Ökosysteme zu erhalten,
  • die Tierwelt zu schützen,
  • Wasser zu sparen,
  • faire Behandlung von und gute Bedingungen für Arbeiter zu gewährleisten,
  • Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zu sichern,
  • gute Beziehungen mit den umliegenden Gemeinden zu pflegen,
  • integrierten Pflanzenschutz zu praktizieren,
  • die Böden zu schützen und Bodenfruchtbarkeit zu erhalten,
  • mit allen landwirtschaftlichen Abfällen „sauber“ umzugehen.

Das sind große Herausforderungen. Sie benötigen Ausbildung, Investitionen, Umstellungen und kontinuierliche Verbesserung. Aber die meisten Landwirte sehen schnell die Vorteile davon. Das SAN-System ist bereits auf abertausenden Farmen umgesetzt, auf großen und kleinen – in 35 tropischen Ländern. Es besteht allgemein Einigkeit darüber, dass dies die wesentlichen Zutaten für Nachhaltigkeit sind und dass Nachhaltigkeit eine Win-Win-Situation ist sowohl für die Bauern also auch für die Arbeiter, die Tierwelt, die Gemeinden, aber auch für die Lebensmittelindustrie und für die Konsumentinnen und Konsumenten. Doch wir sind uns auch alle einig, dass wir viel mehr tun müssen.

In dieser sich schnell verändernden und zunehmend überfüllten und sich klimatisch erwärmenden Welt, brauchen wir weitere Pioniere der Nachhaltigkeit. Wir sind in einem neuen Zeitalter, das einige Anthropozän nennen: Menschen beherrschen die Erde und verändern sogar das Klima. Die Landwirtschaft ist sowohl Ausdruck dieser Herrschaft wie auch die menschliche Tätigkeit, die am meisten vom Wandel betroffen ist.

Um zu überleben, müsste die Landwirtschaft darum zusätzlich zu der Definition von Nachhaltigkeit weitere 11 Merkmale aufweisen: sie muss noch produktiver, effizienter, wiederherstellender, klimafreundlicher, gerechter, angesehener, robuster, kompatibler, diversifizierter, kommunikativer und organisierter werden.

1. Produktiv
Wir müssen die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 verdoppeln und die Landwirte müssen mehr pro Flächeneinheit verdienen. Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, sagt, dass 70  bis 100% mehr Landfläche benötigt werden, um eine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Wir sehen bei Rainforest-Alliance-zertifizierten Bauern eine 20%-ige Steigerung der Produktivität, sei es mit Kakao, mit Kaffee oder mit Bananen – erreicht durch agronomisches Know-how, durch intelligente Nutzung von Ressourcen und durch die biologische Vielfalt.

2. Effizient
Wir müssen mit weniger mehr produzieren. Die Landwirtschaft braucht zum Beispiel etwa 70% des erneuerbaren Süßwassers. Wir müssen die Effizienz des Energieaufwandes, des Wasser- und Düngerverbrauches sowie des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und Maschinen verdoppeln.

3. Wiederherstellend
Mit der Zerstörung von natürlichen Ökosystemen für die Landwirtschaft aufzuhören, ist nicht genug. Die Landwirtschaft muss ein Treiber der Wiederherstellung werden. Die Wiederbelebung von degradierten Flächen muss für die Landwirtschaft profitabler werden als die Rodung von Waldflächen. Denn die Hälfte der besten Böden in den Tropen sind in den letzten 150 Jahren bereits kaputt gegangen. Wir fördern aktiv die Bodenbildung und die Agroforstwirtschaft, zum Beispiel in Ghana.

4. Klimafreundlich
Die Landwirtschaft erzeugt mehr Treibhausgase als alle Transportmittel zusammen.
Zusammen mit “unseren” Bauern setzen wir Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel und zur Milderung seiner Auswirkungen um. Gesunde Böden sind zum Beispiel kohlenstoffreich. Lasst uns also Böden aufbauen, Bäume pflanzen, die Erosion stoppen. Helfen wir den Menschen auch dabei, ihre Wälder zu schützen und ihren Lebensunterhalt daraus zu bestreiten, indem sie vom Verkauf der Emissionsrechte profitieren.
Wir überprüfen bereits, ob Farmen die Maßnahmen des Klimamoduls vom SAN umsetzen.

5. Gerecht
Wir respektieren Landrechte, seien sie gemeinschaftlich, traditionell oder gewohnheitsmäßig. Wir verurteilen Landraub (land grabbing). Die SAN-Regeln bestimmen außerdem, dass die Rechte der Arbeitnehmer wie sie in den ILO-Konventionen, in den lokalen Gesetzen und im Standard selbst definiert sind, allen gewährt werden und zwar auch den saisonalen, den temporären und auch den Wanderarbeitern. In Zusammenarbeit mit anderen NGOs, mit Bauern und Unternehmen, suchen wir aktuell nach Wegen, um einen existenzsichernden Lohn, eine weitere Gleichstellung der Geschlechter und eine bessere Ernährungssicherheit zu erreichen. Die Entwicklung nachhaltiger Tauschbedingungen im internationalen Handel, für mehr Gerechtigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette, bleibt auch ein wichtiges Thema.

6 . Angesehen
Die meisten Bauern auf der Welt sind arm, und die Ärmsten der Welt sind meist Bauern. Viele Millionen Menschen sind Landwirte, weil sie keine andere Wahl haben – das ist nicht nachhaltig. Landwirt sollte als edler, respektabler Beruf gelten und Wohlstand und Wohlbefinden für die Bauern, ihre Familien und Gemeinschaften generieren. Die Landwirtschaft muss wieder junge Menschen anziehen – denn zum Beispiel beträgt das Durchschnittsalter der Kakao- und Kaffeebauern in Westafrika und in Mexiko über 60 Jahre. Um Stolz und Leidenschaft zurück in die Landwirtschaft zu bringen und den Beruf für Junge attraktiver zu machen, müssen wir die Landwirtschaft produktiver, unternehmerischer und kreditwürdiger machen. Wir müssen den Landwirten technische Unterstützung geben und den Zugang zu den Premium-Märkten erleichtern. Die Jungen wollen Teil haben an den neuesten wissenschaftlichen Informationen, an Maschinen und Technologie. Wir sehen: Landwirte sind stolz darauf, die Rainforest Alliance-Zertifizierung zu erlangen: Es bedeutet, dass ihr Hof zu den besten gehört und ein florierendes Unternehmen ist, dass ihre Söhne und Töchter hoffentlich stolz weiterführen können.

7. Robust
Bauernhöfe sind anfällig für Schocks und Störungen: Wetterereignisse wie Überschwemmungen und Dürren, ausbleibende Niederschläge und Erdrutsche verursachen hohe Verluste. Die Existenz ist durch Krankheiten und Schädlinge gefährdet. Landwirte müssen sich zudem an Veränderungen in den Märkten und bei den Konsumwünschen anpassen. Sie haben überdies mit nicht immer einfachen Wechseln von Regierungen umzugehen. Wiederstandfähige, nachhaltige Farmen mildern externe Schocks.

8. Kompatibel
Bauernhöfe sollten gute Nachbarn sein und verträglich leben mit Wildtieren und Naturparks, dem Wohlergehen lokaler Gemeinschaften und der Entwicklung des ländlichen Raums dienen. Viele Tiere sind saisonal unterwegs, wie Zug-Vögel. Andere durchstreifen das Territorium auf der Suche nach Nahrung, wie die Elefanten in indischen Teeplantagen. Freier Durchgang auf Farmen und Migrationskorridore vermeiden Mensch-Tier-Konflikte. Farmen, die den SAN-Standard umsetzen, nutzen sehr oft natürliche Schutzzonenals als Puffer und erweitern sie.

9. Diversifiziert
Es gibt etwa 50.000 essbare Pflanzen auf unserem Planeten. Doch die Hälfte unserer Lebensmittel besteht aus: Reis, Mais und Weizen. Farmen sollten die Vielfalt der Natur „imitieren“ und eine Vielzahl von Nutzpflanzen in naturnahe Lebensräume integrieren. Wir brauchen auch verschiedene Farmgrößen und Management-Systeme, von den Familiengärten bis zur großen Agroforstwirtschaft.

10. Kommunikativ
Bäuerinnen und Bauern sollten besser miteinander kommunizieren, um Neuigkeiten, erfolgreiche Methoden, Tipps und Techniken auszutauschen. Labels und Programme wie der Nescafé-Kaffee-Plan helfen den Landwirten, mit den Verbrauchern zu kommunizieren und Respekt für ihre Produkte zu erwecken. Organisierte Landwirte und ihre Verbände geben den einzelnen eine Stimme in der öffentlichen Politik, bei der Weiterentwicklung von Standards und im Handel.

11. Organisiert
Damit auch Kleinbauern von den Konzepten einer nachhaltigen Landwirschaft profitieren, damit Weiterbildungen und Kooperation erfolgreich sind, brauchen wir mehr selbstbestimmte Landwirte, die Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen und einen professionellen Stolz entwickeln. Es sollten noch vielmehr Kleinerzeuger sich zusammentun – zu Farmgruppen, Erzeugergemeinschaften, Kooperativen.

Diese Elf sind nur einige der Merkmale, die erfolgreiche Betriebe und Landwirte im vom Menschen beherrschten Zeitalter kennzeichnen können. Wir alle hängen von der Landwirtschaft ab. Und wir haben eine gemeinsame Zukunft. Lasst uns unser kreatives Denken und unsere kollektive Energie verbinden, um einen neuen Kurs für die Landwirtschaft im Anthropozän zu gestalten.“

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