Rainforest Alliance/Tourismus

Nachhaltig Reisen – Ein Reisebericht aus Ecuador Teil VI

Zu Besuch bei der „Königin der Anden“ 

Nach so einer herrschaftlichen Nacht möchten wir unsere Zimmer am liebsten gar nicht verlassen. Aber da wir den Viehmarkt in Saquisilí nicht verpassen wollen, müssen wir in den sauren Apfel des frühen Aufstehens beißen. Der wird uns allerdings durch ein opulentes Frühstück aus einer riesigen Auswahl an Käse und Eiern, Brot und Marmelade – alles aus der Region bzw. aus eigener Produktion – mehr als versüßt.

Die kleine Stadt Saquisilí beherbergt einen der größten indigenen Märkte des Landes. Früh am Donnerstagmorgen machen sich Hunderte von Bauern im Süden Quitos auf den Weg, um einen Käufer für ihre Schweine und Hühner, Kälber und Meerschweinchen zu finden, um Zwiebeln und Mohrrüben, Mais und Kartoffeln anzubieten. Und um sich mit allem einzudecken, was sie für den täglichen Bedarf benötigten – vom Besen bis zu Kaffeetasse, vom Stuhl bis zum Ehebett.

Von der Gemeinde für die Gemeinde

Beeindruckt vom bunten Treiben und unserer ersten hautnahen Begegnung mit Lamas machen wir uns auf den Weg nach Süden in die Provinz Chimborazo. Auf dem Dorfplatz der Gemeinde Zuma Kawsi – was in Quechua „Königspalast“ bedeutet – werden wir bereits von Trinidad erwartet. Die freundliche Frau mit den schwarzen Zöpfen wird uns nach dem Mittagessen durch das Dorf und das einheimische Museum führen – begleitet von Lama Manuela, denn schließlich lernen wir hier, welche große Rolle die genügsamen Kameliden im Leben der indigenen Bevölkerung spielen. Restaurantbesuch, Rundgang und Museum sind Teil des so genannten gemeindebasierten Tourismus – der sicherstellen soll, dass nicht internationale Konzerne, sondern die lokale Bevölkerung von den Urlaubsgästen profitieren.

Einkommen hat die rund 500 Einwohner zählende Gemeinde dringend nötig. Auch wenn Landwirtschaft und Tierzucht nach wie vor die Basis bilden, sind die Parzellen durch Realteilung mittlerweile so klein geworden, dass kaum eine Familie davon leben kann. Die meisten Männer machen sich jeden Morgen um 6.00 Uhr auf in die 15 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Riobamba, um dort als Handwerker zu arbeiten. „Wir haben erkannt, wie wichtig es ist, unsere Kultur und Natur zu schützen. Der gemeindebasierte Tourismus kann uns dabei helfen“, sagt Olmedo, der im Rahmen der Organisation Cordtuch für die Vermarktung der Tourismus-Angebote verantwortlich ist.

Trinidad bringt uns auf dem einstündigen Rundgang durch das Dorf die zahlreichen Kräuter und Heilpflanzen nahe, die bei der Generation ihrer Großeltern und Eltern noch wie selbstverständlich den Arzt ersetzten. Zahnschmerzen, Fieber, Magenbeschwerden, graue Haare – für beziehungsweise gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Natürlich lernen wir auch, wem die Gemeinde ihren Namen verdankt: Als der südamerikanische Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar auf dem Weg zum Vulkan Chimborazo in einer der Haciendas eine Rast einlegte und am nächsten Tag gefragt wurde, wie seine Nachtruhe war, antwortete er: „Ich habe geschlafen wie in meinem Palast!“

Die Multitalente

Lamas wurden in der Gemeinde erst im Jahr 2004 (wieder) eingeführt. Dabei waren sie bereits zu Inka-Zeiten ein wichtiger Begleiter der Menschen. Mehr noch, sie wurden sogar als „Königinnen der Anden“ bezeichnet: Wer ein Lama besaß, war reich, denn er hatte nicht nur ein Transportmittel zur Verfügung, sondern auch Fleisch, Fell und Wolle. Die spanischen Eroberer sorgten allerdings schnell für die Dezimierung der genügsamen Tiere – und ihrer nahen Verwandten, der flauschigen Alpacas, der kleinen Vicuñas und der wild lebenden Guanacos. „Alles, was den Bewohnern heilig war, sollte verschwinden“, erklärt José.

Lamas sind nicht nur genügsam, sondern auch äußerst sanftmütig, wie uns Trinidad beim Rundgang mit Manuela beweist.

Mit ihren weichen Klauen schädigen Lamas die Weideflächen viel weniger als etwa Kühe, erzählt Trinidad bei der Besichtigung des kleinen Museums. Zudem hinterlassen sie wertvollen Dünger für die Mais- und Gemüseflächen. Den Urin der Tiere nutzten die Bewohner, um Schmerzen zu lindern, ein Bad im Wasser der ausgekochten Knochen hilft gegen rheumatische Beschwerden.  Das Fleisch ist  cholesterinarm und nährstoffreich, aus dem Fett wird nicht nur Butter, sondern auch Salbe hergestellt. Und dann ist da natürlich noch die Wolle, die von den Frauen gesponnen und zu Pullovern und Jacken, Mützen und Ohrringen verarbeitet wird, die sie vor Ort verkaufen.

Abraspungo: Hommage an die Vulkane

Zur Erinnerung an ihre kleine Gemeinde bindet Trinidad jedem vom uns noch ein Armband aus Lama-Wolle ums Handgelenk. Dann heißt es Abschied nehmen, denn wir wollen vor Einbruch der Dunkelheit unsere nächste Unterkunft erreichen. Und die hat sich ihre Lage auf der „Straße der Vulkane“ wahrlich zu Herzen genommen: Jedes der 42 großzügigen Zimmer der Hacienda trägt den Namen eines Vulkans und ist mit den passenen Fotos und Gemälden geschmückt. Ihren Namen verdankt die Hacienda der Gletscherspalte zwischen den Vulkanen Chimborazo und Carihuairazo: „Abraspungo“ setzt sich zusammen aus „Abra“, was im Spanischen eine tiefe, von Erosion hervorgerufen Öffnung bedeutet, und „Pungo“, dem Quechua-Wort für „Eingangstür“.

Vulkane sind in Abraspungo allgegenwärtig.

Isabel, die Besitzerin, leitet das Hotel seit 18 Jahren, mittlerweile gemeinsam mit einem ihrer Söhne und dem Schwiegersohn. Seit 2007 arbeitet sie mit der Rainforest Alliance zusammen. „In der Region Chimborazo sind wir das einzige Hotel mit Smart-Voyager-Zertifikat und Rainforest-Alliance-Verifizierung“, sagt sie stolz. Auch die ISO-Zertifizierung für Qualitätsmanagement strebt die Hotelchefin an. Allerdings sei es nicht immer leicht, die strengen Vorgaben auch in die Tat umzusetzen. Beispiel Trinkwasser: Um den Einsatz von Plastikflaschen zu reduzieren, stellte sie ihren Gästen Karaffen mit frischem Quellwasser auf die Zimmer. Die aber wurden von den Kunden nicht angenommen. „Die Leute möchten die Flaschen selbst öffnen, sie trauen dem Wasser nicht.“ Ein Wassertank zum Selbst-Abfüllen wie etwa im Hotel Patio Andaluz in Quito sei auch keine Alternative. „Bei den niedrigen Temperaturen hier können wir es unseren Gästen nicht zumuten, nachts zum Wasserholen ihre Zimmer zu verlassen.“ Als Kompromiss steht den Touristen nun Mineralwasser aus Glasflaschen zur Verfügung.

„Auf die Menschen kommt es an“

Für Isabel steht fest, dass ihr Nachhaltigkeitskonzept nur aufgeht, wenn die Angestellten es zu hundert Prozent mittragen. „Eine unserer Stärken sind die Menschen, die hier arbeiten. Wir bieten ihnen Aufstiegschancen, denn es ist uns wichtig, sie langfristig an uns zu binden.“ Manch einer der 30 Angestellten hat gemeinsam mit der Chefin im Abraspungo angefangen. Andere sind zwar gegangen, aber ihre Kinder sind dem Haus treu geblieben. „Unser Handwerksmeister ist vor einiger Zeit gestorben, aber sein Sohn und sein Neffe arbeiten jetzt als Maurer bei uns“, gibt die Hotelchefin ein Beispiel. Sie bildet nicht nur ihr Personal selbst aus; zwei jungen Frauen finanziert sie das Studium inklusive Austauschprogramm mit einer deutschen Universität. Auch ausländische Studenten, die ein Praktikum in Gastronomie, Marketing oder Hotelmanagement absolvieren möchten, sind im Unternehmen gern gesehen. „Das Schöne an der Arbeit hier ist: Wir lernen alle gemeinsam – mit- und voneinander“, sagt die Unternehmerin.

Historische Fotos und alte Werkzeuge machen den Charme der Hacienda aus.

Sicherheit für Reiseanbieter

Dass ein Großteil der Lebensmittel von benachbarten Bauernhöfen und aus biologischem Anbau stammt, dass sie ihr Kaminholz aus Produktionsabfällen einer Keramikfabrik beziehen – ein Großteil der Bemühungen des Hotels um eine schonende Ressourcennutzung bekommen die Gäste des Abraspungo wahrscheinlich gar nicht mit. Denn die Reisebüros schicken ihre Kunden meist nur für eine Nacht; oft machen sie in dem schönen Kolonialhaus lediglich Zwischenstation auf dem  Weg nach Riobamba, um dort in den berühmten Zug zu steigen, der sie über die Schlucht des Flusses Chanchán in Richtung „Teufelsnase“ – ein gewaltiger Felsvorsprung – bringt. Warum also den ganzen Aufwand der Zertifizierung? „Wir geben damit den Reiseunternehmen die Garantie, dass wir eine hohe Qualität anbieten“, erklärt Isabel.

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