Rainforest Alliance/Tourismus

Nachhaltig Reisen – Ein Reisebericht aus Ecuador Teil V

Auf den Spuren der Inkas

Schweren Herzens verabschieden wir uns am kommenden Tag von unseren Gastgebern. Zunächst geht es Richtung Süden in die Provinzhauptstadt Latacunga, dann biegen wir nach Westen ab, um Richtung Küste immer weiter bergauf zu steigen. Männer und Frauen bearbeiten die Felder, die sich im Vorbeifahren zu einem bunten Flickenteppich zusammensetzen, Kinder ziehen mit Schafherden vorbei, Llamas weiden an den Hängen. „Hier leben die Menschen fast ausschließlich von Landwirtschaft und Tierhaltung“, erklärt José. Hauptsächlich werden Mais und Zwiebeln, Kartoffeln und Quinoa – auch Andenhirse genannt – angebaut. Eine Ausnahme macht das Dörfchen Tigua, das wir nach rund zwei Stunden Fahrt erreichen: Mehrere Hundert Künstler aus der Gemeinde haben sich mit ihrer naiven Malerei mittlerweile im ganzen Land – und darüber hinaus – einen Namen gemacht.

Alltagsszenen prägen die Bilder der Künstler im Künstlerdorf Tigua; hier feiert die Gemeinde Zumbahua den neuen Präsidenten Rafael Correa.

Ein Dorf schreibt Künstlergeschichte

Musik und lachende Gesichter empfangen uns in der kleinen Ausstellungshalle. Als erstes fallen die leuchtend bunten Holzmasken ins Auge, Tiergesichter und Teufelsabbildungen mit langen Nasen und spitzen Hörnern. Der restliche Raum wird von Bildern in kräftigen Farben eingenommen. José erzählt, was es damit auf sich hat: Anfang der 1970er Jahre hatte ein Mitglied der Familie Toaquiza einen Traum. Darin berichteten ihm seine Vorfahren von den Tänzern der Corpus-Christi-Feier. Diese trugen beim Tanzen stets Masken, und der junge Mann begann, eine solche Maske zu malen. Allerdings benutzte er hierfür nicht Papier oder Leinwand, sondern eine Trommel, die fester Bestandteil der religiösen Feste ist. So war eine neue Maltechnik – Acrylfarbe auf Schafsleder – geboren. Immer mehr junge Männer taten es dem jungen Toaquiza gleich und verfeinerten die neue Technik so weit, dass in der kleinen Gemeinde mit der Zeit eine regelrechte Künstlerbewegung entstand. Für viele hat sich der Verkauf ihrer Werke zu einem wichtigen Standbein entwickelt.

Die bunt bemalten Masken werden bei religiösen Feiern von den Tänzern getragen.

Die farbenfrohen Bilder und Masken sind bei den Touristen äußerst beliebt, bieten sie doch einen lebendigen Einblick in das Alltagsleben der Bevölkerung. Sie zeigen die umgebenden Vulkane und Seen, aber auch Politiker, wie sie sich am Volksvermögen bereichern oder junge Männer, die im Gefängnis sitzen. Und immer wieder Szenen des täglichen Lebens, etwa den Werdegang einer jungen Frau auf dem Land: Zunächst sieht man sie schwanger bei der Feldarbeit, dann gemeinsam mit der  Hebamme, die bei der Geburt behilflich ist; schließlich die Taufe des Kindes (90 Prozent der Ecuadorianer sind katholisch) und ganz am Ende ein Bild, wie die junge Mutter mit dem Kind auf dem Rücken die Feldarbeit verrichtet.

Die Einsamkeit des Kondors

Allgegenwärtig auf den mit kräftigen Pinselstrichen gemalten Bildern ist auch die Sonne. Und immer wieder der Kondor. In der Geschichte des Landes nimmt der majestätische Vogel eine ganz besondere Rolle ein. Nicht nur, weil er das Wappentier Ecuadors ist. „Er war das Verbindungsglied zwischen der Welt und den Göttern“, weiß José zu berichten. „Deshalb wurde er als heiliges Tier angesehen.“ Eines der Bilder zeigt die „Legende vom verliebten Kondor“, die die Touristen auch in einem liebevoll gestalteten Buch mit nach Hause nehmen können: Der mächtige Vogel hatte die wichtige Aufgabe, Botschaften zwischen den Menschen und den Göttern zu transportieren. Doch war das ein recht einsames Unterfangen, und der Kondor fragte sich bald, warum eigentlich alle Menschen und Tiere einen Partner haben, nur er nicht. So machte er sich auf die Suche nach der Liebe. Bei einem seiner Flüge sah er ein junges Mädchen, das auf einer Weide Tiere hütete. Es war Liebe auf den ersten Blick, und nachdem die beiden sich angefreundet hatten, hob er das Mädchen eines Tages auf seinen Rücken und flog mit ihm davon.

Vielleicht hat die Legende in Bezug auf die  „Einsamkeit des Kondors“ bereits in die Zukunft geblickt: Heute ist der scheue, monogam lebende Vogel, der bis zu 70 Jahre alt wird und sich mit seiner Drei-Meter-Flügelspannweite auf eine Höhe von 7.000 Metern emporschwingen kann, vom Aussterben bedroht. Auf gerade einmal 77 Tiere wird die Population des „Königs der Anden“ im Land geschätzt.

Quilotoa – Kratersee mit Bilderbuch-Charakter

Nach zwei weiteren Stunden Fahrt hinauf in die Berge machen wir im Dörfchen Quilotoa halt. Am Rand des gleichnamigen  Vulkans, dem westlichsten der ecuadorianischen Anden,  blicken wir von rund 3.800 Metern hinunter in den sagenumwobenen Kratersee. Ein Feuer spuckendes Monster soll in seinen Tiefen leben; diese Überlieferung ist sicherlich der Tatsache geschuldet, dass der drei Kilometer breite Krater ein Produkt des Vulkanausbruchs vor mehreren Hundert Jahren ist. Auf jeden Fall blubbert und zischt es ab und an noch gewaltig in dem türkisfarbenen Wasser, das seine Farbe mit dem Sonnenlicht von helltürkis über smaragdgrün bis tiefblau wechselt.

Drei Kilometer misst der Krater des Quilotoa-Vulkans, der sich nach der letzten Eruption mit Regenwasser füllte.

Der Zugang zum See wird von der Gemeinde verwaltet: Die geringe Eintrittsgebühr wird unter anderem für die Erhaltung der Wege genutzt. Auch in den Restaurants oder beim Verkauf von Souvenirs finden die Dorfbewohner ihr Einkommen. Oder in der Verleihung der Mulis, die uns nach einem wundervollen Picknick am Ufer des Sees für acht Dollar wieder hinauf zum Kraterrand bringen. Während es uns mit unseren Bergstiefeln beim Abstieg nicht immer gelungen ist, auf dem staubigen Vulkangestein das Gleichgewicht zu halten, laufen die Frauen und Kinder barfuß oder in Badelatschen den steilen Weg hinauf. Eigentlich könnten die Tiere das auch allein – trotz der rutschigen Hänge finden sie den Weg zurück an den Kraterrand mit schlafwandlerischer Sicherheit. Nur haben sie nicht immer Lust dazu und benötigen unterwegs so manch „aufmunterndes“ Wort ihrer Besitzer. Nicht nur einmal ernten wir auf dem knapp einstündigen Ritt die bösen Blicke der anderen Touristen – die Weißen lassen sich tragen, das einheimische Kind läuft nebenher …. „Man mag das nicht für gut befinden. Noch vor wenigen Jahren aber haben die Kinder wie die Erwachsenen auf den Feldern gearbeitet. Und mit den Mulis können sie zum Familieneinkommen beitragen – acht Dollar sind für die Menschen hier viel Geld“, gibt José zu bedenken.

Wo Humboldt sich zur Ruhe bettete: San Agustín de Callo

Am Abend erwartet uns eine ganz besondere Unterkunft: Die Hacienda San Agustín de Callo. Das Anwesen war nach der spanischen Eroberung ein Augustinerkloster, wie der Name verrät. Und es ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an dem man noch intakte Mauern aus der Inka-Zeit bewundern kann. Sie beherbergen heute die kleine Kapelle und den Speisesaal des Hotels, von dem aus die Gäste einen atemberaubenden Blick auf den Cotopaxi haben. Und dann erst die Zimmer: Wahrhaft königlich fühlt man sich hier als Gast. Kein Wunder, kann man doch genüsslich in der Badewanne liegen, neben sich den prasselnden Kamin, und dabei den Blick über kunstvolle Wandbemalungen streifen lassen. Um es sich dann unter der dicken Daunendecke im King-Size-Bett gemütlich zu machen – immerhin liegt die Hacienda auf 3.000 Metern Höhe, und nachts wird es empfindlich kalt.

Die Hacienda San Agustín de Callo verwöhnt ihre Gäste mit wahrhaft königlichen Badezimmern. Auch Alexander von Humboldt machte in dem ehemaligen Kloster Rast.

Die großzügigen Fenster sorgen dafür, dass das Tageslicht optimal genutzt wird. Von ihnen aus schaut man auf den bunt bepflanzten Innenhof, in dem sich Elemente von Inka- und Kolonialstil vermischen.  Die gemütliche Beleuchtung in den Zimmern und auf dem Hof lässt kaum vermuten, dass hier ausschließlich Energiesparlampen zum Einsatz kommen. „Energie- und Wasser sparen, nachwachsende Materialien statt Plastik einsetzen und möglichst lokale Produkte verwenden“, nennt Hotelmanager Byron Samaniego die wichtigsten Empfehlungen, die ihnen die Rainforest Alliance gab, als der Familienbetrieb vor vier Jahren begann, sich für die nachhaltigen Management-Praktiken zu interessieren. Und dass es sinnvoller ist, die Dinge nach und nach, dafür aber sorgfältig umzustellen. Wichtig war den Besitzern auch, sich und ihr Unternehmen stärker in der Gemeinde zu verankern. Die meisten der 20 Mitarbeiter stammen aus der Region. „Unsere Angestellten sind stolz, dass sie dazu beitragen können, die Ziele der nachhaltigen Managements einzuhalten.“

In der Kapelle lassen sich alte Inka-Mauern bewundern. Zwischen die fugenlos zusammengesetzten Steine passt kein Blättchen Papier.

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s