Rainforest Alliance/Tourismus

Nachhaltig Reisen – Ein Reisebericht aus Ecuador Teil IV

Kolonialgeschichte auf der Hacienda Hato Verde

Wer auf der „Straße der Vulkane“ reist, den begleitet nicht nur der Naturforscher Alexander von Humboldt auf Schritt und Tritt. Ebenso allgegenwärtig ist die Kolonialgeschichte, die auch hier auf der Südseite des Cotopaxi durch das System der Haciendas bestimmt war. Die großen Güter mit oft mehreren Hundert oder Tausend Hektar Land prägten das wirtschaftliche und soziale Leben im Land über viele Jahrhunderte. Die Landgüter waren meist im Besitz der spanischen Eroberer, der „Conquistadores“, die nach Lateinamerika kamen, um nach Silber und Gold zu suchen oder aber ihren Glauben zu verbreiten. Erst in den 1960er Jahren, mit den ersten Landreformen, änderten sich die Besitzverhältnisse.

Die Besitzer von Hato Verde legen Wert auf eine familiäre Atmosphäre; ihre Hacienda haben sie mit viel Liebe zum Detail restauriert.

„Zwar wird man im Zusammenhang  mit Lateinamerika nie das Wort „Sklaven“ hören, doch waren die Indigenas gezwungen, auf den Haciendas zu arbeiten“, erzählt uns José auf dem Weg Richtung Süden. „Da sie selbst kein Land besaßen, mussten sie mit ihrer Arbeitskraft das Land bezahlen, das ihnen die Besitzer zur Bewirtschaftung überließ.“ Viele der großflächigen Besitztümer waren wie ein kleines Dorf angelegt, oft mit eigener Kirche, in deren Umfeld sich das soziale Leben abspiele. Um die Landarbeiter einer Gemeinde leichter zuordnen zu können, waren diese verpflichtet, allesamt die gleiche Kleidung tragen. „Damals war es nicht unüblich, in der Zeitung etwa folgende Anzeige zu finden“, sagt José: „Verkaufe Hacienda mit 200 Kühen und 50 arbeitenden Indios“.

Rosenzucht ersetzt Rinderhaltung

Die Verhältnisse haben sich glücklicherweise gewandelt. Viele Haciendas sind jedoch noch heute intakt und wurden nicht selten zu Restaurants oder Herbergen umgebaut. So auch Hato Verde, unserer Unterkunft, die uns an diesem Nachmittag erwartet.  In einem weiten Tal, inmitten von ausladenden Weideflächen, begrüßen uns Maria del Rosario und ihr Mann César auf ihrem Anwesen. Neben antiken Möbeln und stilvollem Porzellan, Ölgemälden und Familienfotos ist es vor allem die Herzlichkeit der Familie, die dafür sorgt, dass wir uns in dem in warmen Farben gehaltenen Haus gleich heimisch fühlen.

Die Gäste dürfen Maria del Rosario gern beim Brotbacken zuschauen.

Mit seinen 120 Rindern ist Hato Verde in erster Linie ein Landwirtschaftsbetrieb. Früher war das ganze Tal von grasenden Kühen dominiert, erzählt uns César dann auch später beim Abendessen, heute sind es hauptsächlich Folien-Gewächshäuser, die die Landschaft prägen. Schließlich ist die Provinz Cotopaxi eine der wichtigsten Anbauregionen für Rosen, die heute neben Erdöl, Bananen, Fischereiprodukten und Garnelen zu den bedeutendsten Exportprodukten des Landes zählen. Der extreme Tag-Nacht-Temperaturunterschied in der Region bietet ideale Voraussetzungen für den Anbau der langstieligen Sorten, die besonders in Russland geschätzt werden. Zwei Milliarden der edlen Blumen werden von der Hauptstadt Quito aus jährlich in alle Welt verschickt.

Traditionelle Baumaterialien, moderne Musik

Wann genau ihr Haus gebaut wurde, wissen unsere Gastgeber nicht, aber „140 Jahre ist es mindestens alt“. Denn die für den Bau verwendeten Steine stammen allesamt aus der gewaltigen Eruption des Vulkans Cotopaxi, der das gesamte Tal im Jahr 1877 mit seinem Ascheregen bedeckte. Vor sieben Jahren hat sich das Paar entschlossen, neben der Landwirtschaft in den Tourismus einzusteigen und das Haus, das bereits in 3. Generation in Familienbesitz ist, von Grund auf zu erneuern. Sämtliche Gästezimmer wurden mit eigenem Bad sowie Kamin ausgestattet, in dem der Hausherr am Abend das Feuer entfacht. Oberstes Gebot beim Umbau: Es kommen nur Materialien aus der Region und landestypische Techniken zum Einsatz.

Oberstes Gebot bei der Einrichtung der Zimmer: Nur einheimische Materialien kommen zum Einsatz.

„Uns war es wichtig, den alten Stil beizubehalten“, sagt Maria del Rosario, als sie uns durch Küche und Gästezimmer, Ställe und Melkstand führt. Ein Grund auch, warum sie und ihr Mann die Milch an eine lokale Molkerei in der 15 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Latacunga verkaufen. „Multinationale Unternehmen wie Nestlé zwingen einen, alles zu modernisieren, etwa den Melkstand komplett zu fliesen. Das wollen wir aber nicht. Sauber ist bei uns trotzdem alles, wir halten selbstverständlich alle Hygienerichtlinien ein.“ Das Wort „Tradition“ fällt immer wieder im Gespräch mit der jungen Frau. Nur in einem Bereich geht es auf Hato Verde ganz modern zu: Die Kühe bekommen beim Melken heiße lateinamerikanische Rhythmen vorgespielt. „Als ich auf die Hacienda kam, sagte ich zu César, dass Musik für die Tiere bestimmt gut ist, er sollte ihnen vielleicht Beethoven oder Schubert vorspielen. Er war einverstanden, ist dann allerdings beim Melken regelmäßig eingeschlafen.“ Stattdessen klingen jetzt Salsa und Cumbia durch den Stall. Ob es den Tieren gefällt? „Keine Ahnung, aber unsere kolumbianischen Angestellten sind glücklich und singen bei der Arbeit!“

Hundert Prozent Familienanschluss

Während Maria del Rosario mit Leib und Seele Gäste betreut, schlägt das Herz ihres Mannes neben der Rinderhaltung vor allem für die Araberzucht. Die Besucher können daher nicht nur der Chefin beim Brotbacken und Joghurt-Bereiten zusehen, sondern auch Ausflüge zu Pferd unternehmen. Trainiert werden die edlen Tiere im Ring der kürzlich restaurierten Arena, auch Flamenco-Shows mit den 17 Vollblütern stehen auf dem Programm. „Von hier oben hat man eine wunderbare Aussicht auf die ganze Andenlinie, selbst auf den Chimborazo, den höchsten Berg des Landes“, schwärmt die Tourismusexpertin. Kein Wunder, dass sich kürzlich das erste Brautpaar gemeldet hat, das in der Arena seine Hochzeit feiern möchte.

In der Arena trainiert der Hacienda-Chef seine Araberpferde. Für das Fachpublikum gibt es zudem Rindervorführungen, für die Urlaubsgäste Flamenco-Shwos.

Ihre Gäste machen in Hato Verde häufig einen Zwischenstopp, bevor sie zu den Galápagos-Inseln weiterziehen. Meist bleiben sie zwei Nächte, verbringen einen Tag im Cotopaxi-Nationalpark, zu dem die Hacienda ihnen einen exklusiven Zugang bietet, und  eine weiteren an der Quilotoa-Lagune, unserem morgigen Ziel. Fast alle Gäste finden über Reisebüros den Weg auf die Hacienda. „Meist sind es Leute über 55, die einen gewissen Komfort zu schätzen wissen“. Immer öfter kommen auch Gruppen, weswegen die Familie bereits neben den sechs Zimmern im Haus bereits vier weitere im Außenbereich eingerichtet hat. „Doch weiter wollen wir nicht wachsen, sonst wären wir kein Familienbetrieb mehr“, sagt die junge Firmenchefin, die mit Mann und den beiden Kindern den oberen Trakt des Hauses bewohnt. Noch ist der Nachwuchs klein, acht und neun Jahre alt, noch lässt sich nicht absehen, ob einer von ihnen den Betrieb einmal weiterführen wird. Wenn nicht, wären auf  jeden Fall 30 Jahre Zuchtarbeit für die Katz, die der Betriebsleiter bereits in die Zucht seiner Holstein-Frisian-Kühe gesteckt hat. Ganz zu schweigen von den Investitionen, die in den Umbau der Gästezimmer geflossen sind.

Sorgsamer Umgang mit der Natur

„Natürlich bringt auch die Einhaltung der Best-Management-Vorgaben Kosten mit sich – und wir haben noch jede Menge Schulden zu bezahlen“, erzählt Maria del Rosario. Lohnt sich für sie denn die Teilnahme am Programm der Rainforest Alliance? „Ich habe vor neun Jahren von der Organisation gehört und fand die Ideen, die sie vertritt, sehr gut“, berichtet sie. Schnell war klar, dass sie für ihr junges Unternehmen die Verifizierung anstreben würde. „Wir waren damals frisch verheiratet und begannen mit der Renovierung des Hauses. Beim Ausreiten fanden wir in der Umgebung immer wieder tote Vögel. Also sprachen wir mit den Besitzern der Rosen- und Brokkolifarmen. Es stellte sich heraus, dass sie zahlreiche hoch giftige Substanzen einsetzen. Für uns stand damit fest, dass wir sorgsamer mit der Natur umgehen müssen. So beschlossen wir zum Beispiel, nur biologisch abbaubare Stoffe einsetzen, unser Gemüse ohne chemische Pflanzenschutzmittel anzubauen und unseren eigenen Kompost herzustellen.“

Regelmäßig pflanzen die beiden auf ihrer Hacienda Bäume an, um das Mikroklima zu verbessern und gern gesehenen Gästen wie Kolibris einen Lebensraum zu schaffen. Neben der Unterstützung und Beratung im nachhaltigen Wirtschaften schätzen sie an der  Zusammenarbeit mit der Rainforest Alliance auch die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Anbietern auf Messen aufzutreten und so die Kosten für Marketing und Werbung zu senken.

Der Großteil der Bevölkerung im Andenhochland lebt von der Landwirtschaft.

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