Rainforest Alliance/Tourismus

Nachhaltig Reisen – Ein Reisebericht aus Ecuador Teil III

Im Cotopaxi-Nationalpark

Am nächsten Tag beginnt unsere Tour auf der „Avenida de los volcanes“, der „Straße der Vulkane“, einem Tal, das sich über 325 Kilometer entlang der Kordilleren erstreckt und seinen Namen Alexander von Humboldt verdankt. Der Naturforscher war begeistert von der unglaublichen Fülle an Vulkanen, die er hier bei seiner Reise im Jahr 1802 vorfand. „Wir Guides kennen etwa 70 Vulkane, aber insgesamt sollen es im ganzen Land rund 200 sein, wenn man die vielen schlafenden, die man nicht sieht, mitzählt“, klärt uns José auf. Die schönsten und spektakulärsten – Cotopaxi und Chimborazo, Tungurahua und Sangay – werden wir auf unserer Reise zu sehen bekommen. Hoffen wir zumindest, denn im Moment zeigen sich am Horizont ausschließlich dicke Regenwolken.

Knapp ein Fünftel der Landfläche Ecuadors ist in irgendeiner Form geschützt. So auch der Cotopaxi-Nationalpark, der den majestätischen Vulkan gleichen Namens beherbergt. Der Park erstreckt sich über insgesamt 33.000 Hektar bis an die Übergangszone des Hochlands zum Dschungel. Immer weiter geht es hinauf, immer karger wird die Landschaft, bis wir schließlich auf 3.600 Metern das Museum am Parkeingang erreichen. Mit seinem Garten und einer kleinen Ausstellung gibt es einen guten Einblick in die Geologie und Topographie der Region und ihre Fauna und Flora.

Die Ressourcen geschickt genutzt

Welche Bedeutung die Vielfalt im Leben der indigenen Familien hatte, weiß Reiseleiter José zu berichten: Aus den runzeligen Blättern des Matico-Strauchs etwa bereiteten sie einen Tee, der gegen Entzündungen und Schmerzen half, während das Holz der schrumpelig aussehenden Polylepis-Bäume zum Bau von Türen und Zäunen genutzt wurde. Aus Paja blanca – dem „weißen Stroh“ – fertigten sie robuste Schnüre. An ihnen wurde das Fleisch nach dem Schlachten zum Trocknen über dem Feuer aufgehängt und anschließend geräuchert, um es haltbar zu machen. Heute erledigen Kühlschränke diesen Job, und die früher für die Region typischen Strohdächer sind längst Zementdächern gewichen.

Das kleine Museum gibt einen ersten Überblick über Topographie, Flora und Fauna des Nationalparks.

In der freien Natur sind viele dieser einheimischen Pflanzen nur noch selten zu sehen. Ins Auge fallen dafür ausgedehnte Pinienpflanzungen. Rund 3.000 Hektar sind von den schlanken, hoch gewachsenen Bäumen bedeckt, die einst aus Kalifornien importiert wurden und heute die Vegetation des Cotopaxi-Parks prägen. „Pinien können bereits nach zehn Jahren geerntet werden, ein Großteil der lokalen Arten hingegen erst nach zwanzig Jahren“, erklärt José. Viele Kleinbauern ziehen sie deshalb den einheimischen Hölzern vor – trotz ihrer negativen Auswirkungen auf den Wasserhaushalt des Bodens und die vergleichsweise oft schlechtere Holzqualität. In der Erwartung des schnellen Geldes hat sich so mancher Landwirt dabei allerdings gleich doppelt angeschmiert: Kaum einer kann sich die Spezialmaschinen leisten, die nötig wären, um die hoch gewachsenen Bäume an den steilen, schwer zugänglichen Hängen zu ernten. Und als Weidefläche für die Tiere ist das Land nach dem Aufforsten ebenfalls verloren.

Tambopaxi – Refugium für Naturliebhaber

Nachdem wir den Aufstieg zum 5.897 Meter Cotopaxi am Modell gesehen haben, wollen wir dem perfekt geformten, schneebedeckten Vulkankegel nun auch etwas näher kommen. Gestärkt durch eine Tasse leicht bitter schmeckenden Coca-Tee, bringt uns unser Fahrer über eine holprige Schotterpiste hinauf auf 4.500 Meter Höhe. Von dort sind es nur noch etwas mehr als 300 Höhenmeter zur Schutzhütte. Doch in Anbetracht des eisigen Windes und des Schneeregens, der uns entgegenschlägt, verzichten wir auf die halbstündige Wanderung und entscheiden uns für die klassische Touristen-Variante: Ein schnelles Beweisfoto am Parkplatzschild, dann schleunigst zurück in den Bus, wo uns José auf unser nächstes Ziel einstimmt: die Öko-Lodge Tambopaxi, ein Refugium für passionierte Bergsteiger und Trekkingfans, das bereits seit mehreren Jahren mit der Rainforest Alliance kooperiert.

Das Naturmittel gegen Höhenkrankheit: frisch gebrühter Coca-Tee.

Wie eine Fata Morgana tauchen die terrakottafarbenen Gebäude mit den strohgedeckten Dächern inmitten der Páramo-Landschaft plötzlich auf. Kaum haben wir an einem der langen Holztische im Gastraum Platz genommen, wird unser Blick magisch angezogen von den riesigen Panoramafenstern. Schließlich könnte es ja sein, dass der Himmel sich gnädig zeigt und die Wolken für einen Moment den Blick freigeben auf „IHN“, den klassischsten aller Vulkankegel, den wir schon auf so vielen Bildern, aber noch nie in freier Natur bewundern konnten. Besitzer Gustavo hat vollstes Verständnis für unsere Faszination, schließlich verbringt der Schweizer selbst so gut wie jede freie Minute in Bergstiefeln, wovon auch die zahlreichen beeindruckenden Fotos an den Wänden zeugen.

In den gemütlichen Zimmern der Öko-Logde Tambopaxi kann man sich bestens auf die Besteigung des Cotopaxi vorbereiten.

Konsequent nachhaltig

Das Restaurant mit seinen 67 Plätzen und die vier Gruppen- und sechs Einzelzimmer strahlen eine Gemütlichkeit aus, die im ersten Moment so gar nicht zur kargen Landschaft passen will. Holz und Naturfarben dominieren, Wände und Decken sind mit Stroh gedämmt. Gemeinsam mit den gut isolierten Fenstern sorgt dies nicht nur für Wärme, sondern auch für einen geringen Energieverbrauch. Was für Gustavo sonst noch zum nachhaltigen Wirtschaften zählt, zeigt er uns beim Rundgang durch Gästezimmer und Arbeitsräume: Der Müll wird komplett getrennt, sämtliche Abwässer gefiltert, unter anderem durch einen Fettabscheider in der Küche. Das gereinigte Wasser wird in den Kreislauf zurückgeführt, während die Rückstände in einem Tank gesammelt und alle drei Monate fachgerecht entsorgt werden.  Reinigungs- und Putzmittel sind biologisch abbaubar, die Lebensmittel stammen größtenteils aus biologischer, lokaler Erzeugung. Gelagert werden Käse und Butter, Obst und Gemüse in einem Kellerraum, der den Kühlschrank weitestgehend überflüssig macht. Mit Ausnahme eines Mitarbeiters kommen alle Angestellten – insgesamt 15 – aus der nähren Umgebung.

Insgesamt 15.000 Besucher zieht es pro Jahr in die Öko-Lodge, 7.000 von ihnen bleiben über Nacht. Den Großteil der ausländischen Gäste bilden Deutsche, Schweizer und US-Amerikaner, aber auch immer mehr Franzosen wissen die optimale Lage von „Tambopaxi“, zu Deutsch „Aufenthaltsort des Mondes“, zu schätzen. Meist bleiben sie eine Nacht, um sich für ihren Aufstieg auf den Cotopaxi (den .„Nacken des Mondes“) oder aber seine etwas kleineren Geschwister Rumiñahui und Sincholagua vorzubereiten. Auch Wanderungen oder Ausritte zu Pferd, begleitet von einem lokalen Führer, sind beliebt.

Das Strohdach der Lodge sieht nicht nur gemütlich aus, sondern sorgt für eine optimale Wärmedämmung und gutes Raumklima.

Den Staat in die Pflicht nehmen

Gustavo vertritt sein Unternehmenskonzept mit Leib und Seele. Blauäugig ist er deshalb jedoch nicht. „In der Branche gibt es jede Menge Greenwashing“, kritisiert er diejenigen Betriebe, die sich unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit ein gutes Image und finanzielle Vorteile verschaffen möchten. „In unserem Land fehlt es einfach an Umweltbewusstsein“. Hierfür macht der Unternehmer auch die Regierung verantwortlich, die das grüne Konzept noch nicht ausreichend vermarktet, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, beispielsweise in Europa. Wobei gerade im Bildungssektor noch viel Nachholbedarf bestehe: „Ein Großteil der lokalen Bevölkerung hat gerade mal die Grundschule besucht, wo Umweltthemen keine große Rolle spielen. Natürlich gibt es weiterführende Schulen und Universitäten, aber die können sich arme Menschen oft nicht leisten.“

Am Ende des Tages werden wir für das lange Warten belohnt: Der Cotopaxi zeigt sich von seiner schönsten Seite.

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s