Rainforest Alliance/Tourismus

Nachhaltig Reisen – Ein Reisebericht aus Ecuador Teil II

Quito – Weltkulturerbe-Stadt am „Mittelpunkt der Erde“

An Schlaf ist in dieser ersten Nacht kaum zu denken. Das hat allerdings weniger mit Aufregung zu tun als mit der Tatsache, dass der Höhenunterschied von knapp 3.000 Metern zwischen Berlin und Quito dem Kreislauf ordentlich zusetzt. Zum Glück hält das Hotel gegen Herzrasen, Schwindel und Kopfschmerzen jede Menge Coca-Tee für seine Gäste bereit. Und die Empfehlung, alles ein bisschen ruhiger anzugehen, „tranquilo“ eben. Darum stehen an unserem ersten Reisetag auch keine körperlichen Höchstleistungen auf dem Programm, sondern ein gemütlicher Spaziergang durch Quito, die Stadt, deren historisches Zentrum von der UNESCO bereits 1978 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Wobei „gemütlich“ vielleicht nicht das richtige Wort ist – angesichts der beeindruckenden Fülle an Zahlen, Fakten und Begebenheiten, mit denen uns unser Stadtführer in den kommenden drei Stunden in Atem halten wird. Wie sollte es auch anders sein, schließlich verfügt die 1,4 Millionen Einwohner zählende Stadt, die der Spanier Sebastián de Belacázar am 6. Dezember 1534 unter dem Namen „San Francisco de Quito“ gründete, über die größte Dichte kolonialer Kunstschätze in ganz Südamerika. Ganz zu schweigen von der spannenden Vorgeschichte, denn besiedelt war die Region bereits um 1500 v. Chr., und schon einmal – unter Huayna Cápac, dem 11. König der Inka – hatte sich die heutige Hauptstadt zu einem wichtigen Verwaltungszentrum entwickelt.

Der Bund mit dem Teufel

Spätestens nach einer Stunde legen wir den falschen Ehrgeiz ab, uns jedes kleinste Detail merken zu wollen und lassen uns einfach nur überwältigen von den beeindruckenden Zeugnissen ecuadorianischer Geschichte, die uns zwischen Unabhängigkeitsplatz und Kathedrale, Präsidentenpalast und Kunstschule, Kirchen und Klöstern erwarten. Eine Wandmalerei ist farbenfroher als die andere, ein Altar prächtiger als der nächste – und dann sind da noch die Anekdoten, die unser Stadtführer immer wieder zum Besten gibt. Zum Beispiel zur Cantuña-Kapelle: Der Legende nach gab zu Kolonialzeiten ein armer Mann namens Cantuña sein Wort, innerhalb eines Jahre eine Kapelle für die indigene Bevölkerung zu bauen. Als er aber am Abend vor der vereinbarten Fertigstellung einsehen musste, dass er den Termin unmöglich einhalten konnte, wandte er sich in seiner Verzweiflung an den Teufel – als stolzer Mann konnte er sich schließlich keine Blöße erlauben!

Im Herzen von Quito. Die geflügelte Jungfrau auf der Bergkuppe Panecillo südlich der Altstadt ist eine Replik des Werkes, das den Altar der Kirche San Francisco ziert.

Der Teufel zeigte sich hilfsbereit, verlangte aber für seine Mühe – wie bei dieser Art von Geschäften üblich – Cantuñas Seele. Dieser willigte ein, unter der Voraussetzung, dass am kommenden Tag pünktlich mit dem letzten Schlag des Glockengeläuts jeder Stein der Kapelle an seinem Platz seine müsse. Hunderte von teuflischen Helfern arbeiteten die ganze Nacht hindurch wie besessen, um das Werk zu vollenden. Mit jedem weiteren Stein sank der arme Cantuña tiefer in Verzweiflung über seinen verheerenden Pakt – ob die Mutter Gottes ihm vergeben würde? Als am kommenden Morgen der letzte Glockenschlag verklungen war und sich Luzifer bereits voller Vorfreude auf Cantuñas Seele die Hände rieb, stieß dieser plötzlich einen Freudenschrei aus – hatte er doch entdeckt, dass ein Stein im Mauerwerk der Kapelle fehlte! Der Teufel war in Rage, der arme Cantuña glücklich – und die Touristen sind seitdem schwer beschäftigt, bekommen sie von ihrem Reiseleiter doch stets die Aufgabe, das historisch so bedeutsame Loch in der Mauer zu finden …

San Francisco – die älteste Kirche der Stadt

Um doch noch ein paar harte Fakten zu nennen: Die berüchtigte Kapelle gehört zur Kirche San Francisco, die im Herzen der Altstadt liegt und von den Franziskanermönche ab 1536 in rund siebzigjähriger Bauzeit errichtet wurde. Der gesamte Komplex, zu dem auch ein Kloster mit einem wunderschönen palmengesäumten Innenhof sowie ein Museum mit einer Vielzahl wertvoller Kunstschätze gehören, erstreckt sich fast über zwei Häuserblocks. Die Kirchenwände wurden aus dem Schutt des Inkapalastes von Huayna Cápac erbaut, der sich einst an derselben Stelle befand. Früher beherbergte das Kloster mit dem Colegio de San Andrés die erste religiöse Kunstschule für auserwählte indigene Maler und Bildhauer.

Das Portal von La Compañia gibt einen Vorgeschmack auf die goldenen Pracht, die den Besucher beim Betreten der Kirche erwartet. Dort heißt es allerdings „Fotografieren verboten!“.

Herzstück des aufwendig verzierten, goldbesetzten Hauptaltars der Kirche ist die Virgen Imaculada de Quito des Künstlers Bernardo de Legarda. Sie gilt weltweit als die einzige bekannte Jungfrau mit Flügeln – und tanzt hier dem Teufel auf dem Kopf herum. Doch nicht nur christliche Motive schmücken die Kirche: Die Deckenmalerei in der Kuppel ist der Sonne gewidmet, die von den Inkas als höchste Gottheit verehrt wurde. Überhaupt ist San Francisco eine beeindruckende Mischung aus verschiedenen Baustilen und Kunstepochen; die Verknüpfung von barocken und klassizistischen, spätgotischen und maurischen Elementen ist der langen Bauzeit, aber auch nötigen Restaurierungen infolge von Zerstörungen durch Erdbeben geschuldet.

Mindestens genauso imposant wie San Francisco, die der Stadt ihren Namen gab, ist die Jesuitenkirche La Compañia de Jesús. Im Jahr 1605 begonnen (und 160 Jahre später fertiggestellt), beeindruckt dieses Musterbeispiel kolonialen Barocks durch seine verschwenderische Goldverzierung. Insgesamt sieben Tonnen Blattgold sollen für die Dekoration verarbeitet worden sein. Ob die Menge stimmt, mag dahingestellt sein, auf jeden Fall fällt es schwer, vom Funkeln und Strahlen im Inneren der Kirche nicht ergriffen zu sein.

Spaziergang auf der Äquatorlinie

Nach so viel göttlicher Erkenntnis wollen wir uns jetzt ganz den Naturwissenschaften widmen. Also statten wir jenem Ort einen Besuch ab, an dem die Mitglieder der französischen geodätischen Mission im Jahr 1736 beweisen wollten, dass die Erde rund ist. 25 Kilometer nördlich von Quito haben sie nicht nur den „Mittelpunkt der Erde“ bestimmt, sondern auch den nullten Breitengrad und damit den Äquator, jene imaginäre Trennlinie zwischen Nord- und Südhalbkugel, die dem Land später seinen Namen geben sollte. Dass sich die Wissenschaftler damals um ein paar Hundert Meter vermessen haben, tut der Begeisterung der Touristen keinen Abbruch: Das Foto auf der (falschen) orangefarbenen Äquatorlinie, die mitten hinein ins monumentale Denkmal samt Museum führt, ist ein absolutes Muss.

Hier im Inti-Ñan-Museum soll sie nun wirklich verlaufen, die Äquatorlinie – amtlich besiegelt durch GPS-Messung.

Gleich nebenan im Freiluftmuseum Inti-Ñan erhalten wir einen Einblick in die Lebensweise und Gebräuche der indigenen Bevölkerung des Landes. So lernen wir nicht nur, dass „Inti“ in der Mythologie der Inka der Sonnengott und damit die wichtigste Gottheit überhaupt war; wir erfahren auch, dass Teppichweben Männerarbeit und die Alkoholherstellung Frauensache ist. Schon zu Inkazeiten war das aus Mais hergestellte Getränk „Chicha“ äußerst beliebt, das zuweilen auch den wenig einladenden Namen „Spuckebier“ trägt: Um die alkoholische Gärung vorzubereiten, kauten die Frauen gebackene Fladen aus Maismehl kräftig durch und sorgten so mit ihrem Speichel dafür, dass die enthaltene Stärke zu Zucker umgewandelt wird. Die Shuar hingegen stellen ihre Chicha traditionell aus Maniok her. Das indigene Volk, das im ecuadorianischen Andentiefland beheimatet ist und sich weder von Inkas noch von Spaniern erobern ließ, ist außerdem Experte in der Herstellung von Schrumpfköpfen, wie wir bei unserem Rundgang erfahren. Auch wenn die Basis hierfür längst nicht mehr von besiegten Feinden, sondern ausschließlich von erlegten Faultieren stammt, macht im Anschluss so manches Schauermärchen seine Runde.

Beeindruckende physikalische Phänomene

Eine Ansammlung symbolträchtiger Totempfähle, die keine Schatten werfen, eine Sonnenuhr, die in zwei Himmelsrichtungen weist und dort exakt die Zeit wiedergibt – das kleine Museum versteht es, seine Besucher in den Bann zu ziehen. Richtig Stimmung kommt dann bei den Experimenten auf, die eindeutig beweisen, dass wir uns hier wirklich auf dem nullten Breitengrad befinden. Mit geschlossenen Augen auf der Äquatorlinie balancieren? Gelingt natürlich nicht, schließlich unterliegt die Schwerkraft hier ganz eigenen Regeln. Dafür lässt sich problemlos ein Ei auf einem Nagel platzieren – na ja, wenigstens ab und zu, weswegen die Glücklichen, die es schaffen, sich auch über ein Diplom freuen dürfen. Und dass Wasser auf der Nord- und Südhalbkugel in unterschiedliche Richtungen abfließt, wie uns mit Hilfe eines erst auf der einen, dann auf der anderen Seite der Äquatorlinie aufgestellten Spülbeckens demonstriert wird, haben wir ja bereits in der Schule gelernt. Oder war das doch nur ein Mythos? Wir nehmen uns fest vor, die Sache mit der Corioliskraft noch einmal genauer nachzurecherchieren …

Volle Konzentration: Wer es schafft, ein Ei auf dem Nagel zu positionieren, darf ein Diplom mit nach Hause nehmen.

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