SAN

Rainforest Alliance und Sustainable Agriculture Network luden zum Diskurs über Einkommen zum Leben

  • Erster gesetzlicher Mindestlohn vor 100 Jahren eingeführt

  • 68 Prozent der Arbeiter weltweit erhalten bislang noch nicht einmal einen Mindestlohn

Immer wieder fordern gesellschaftliche Gruppen und Initiativen, dass Menschen insbesondere in den Entwicklungsländern Löhne erhalten, von denen sie und ihre Familien auskömmlich leben können. Das gilt natürlich auch für Arbeiter, die in der tropischen Landwirtschaft beschäftigt werden, also zum Beispiel im Kaffee- oder Tee-, Bananen- oder Ananasanbau sowie im Kakaosektor. Und in der Tat: Wer auf Mindestlöhne als Königsweg schielt, wird schnell erkennen, dass es sie in einer Vielzahl von Ländern oder Wirtschaftszweigen noch nicht gibt. Sind sie aber vorhanden, reichen sie häufig nicht aus, um den Arbeitern und ihren Familien das Nötigste zum Leben zu sichern.

Der Standard für Nachhaltige Landwirtschaft (SAN-Standard) setzt daher bereits seit Jahren auf einen Mix von Bausteinen. Dazu gehört auf jeden Fall die Zahlung von Mindestlöhnen. Sind diese in einem Land oder Sektor nicht  vertraglich fixiert, müssen sich Arbeitgeber mindestens an dem orientieren, was in anderen, wirtschaftlich vergleichbaren Regionen ggf. an Mindestlöhnen vorhanden ist und dann diese zahlen. Zudem müssen Arbeitgeber ihren Arbeitern und deren Familien schon heute eine Grundsicherung bieten. Dazu gehören eine gute und sichere Unterkunft mit Trennung von Schlafraum und Kochstelle und freier Zugang zu einwandfreiem Trinkwasser, zudem Aus- und Weiterbildung für Arbeiter und die Familienmitglieder (insbesondere die Schulbildung für Kinder ist zwingend) sowie eine gute Gesundheitsversorgung. Aber ist das auch ausreichend?

Anlässlich vielfältiger Diskussionen über die Ausgestaltung von „Einkommen zum Leben“ („Living Wage“), etwa in den Niederlanden oder in Deutschland, luden die Rainforest Alliance und das Sustainable Agriculture Network (SAN, Netzwerk für Nachhaltige Landwirtschaft, eine Koalition von unabhängigen Umweltschutzgruppen insbesondere aus dem Süden) zum Diskurs über mögliche Living-Wage-Konzepte. Die Veranstaltung fand statt am 30. November 2013 im Königlichen Tropeninstitut in Amsterdam.

SAN-Direktor Andre Giacini de Freitas begrüßte rund 70 Experten und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen. Aber auch das Niederländische Außenministerium und das Deutsche Ministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit waren der Einladung nach Amsterdam gefolgt. Im Zentrum des Dialogs stand eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion, begleitet von Einführungs- und Impulsstatements. Zu den Diskutanten auf der Bühne gehörten die US-amerikanische Anwältin für Arbeiterrechte Dorianne Beyer, die Mitautorin des Sozialstandards SA8000 ist und sich im Internationalen Standard-Komitee (ISC) des SAN für die Stärkung der Arbeiterrechte stark macht. Denn: Noch immer erhalten 68 Prozent der Arbeiter weltweit nicht einmal einen garantierten Mindestlohn! Und dies – nach Auskunft von Beyer – 100 Jahre nach der Einführung des ersten flächendeckenden Mindestlohns im US-Bundesstaat Massachusetts im Jahre 1913. Letztlich machte Dorianne Beyer klar, dass gerade in der globalisierten Welt von heute die Distanz zwischen dem „Einkommen zum Leben“,  also dem, was Arbeiter und ihre Familien zum Leben benötigen, und der globalen Wettbewerbsfähigkeit in Kombination mit ungeheurem Kostendruck nicht größer sein könnte. Indien, Mexiko, Namibia und  Brasilien hätten eine Living-Wage-Regel sogar in ihrer Verfassung festgeschrieben. Nur müsse die Frage erlaubt sein, ob solche Gesetze auch tatsächlich effektiv seien?

Die SA8000-Perspektive der Nichtregierungsorganisation Social Accountability International (SAI) vertrat Edwin Koster und bestätigte, dass obschon SA8000 seit bereits 16 Jahren ein Living-Wage-Modell inkludiere, nach wie vor vieles im Argen liege. Es sei noch recht einfach, die Einkommens- und Versorgungsfrage der Arbeiter bei einer industriellen Fertigung im urbanen Umfeld zu erfassen und zu überprüfen. Aber sobald es in den Entwicklungsländern in den ländlichen Raum gehe und man dies  z. B. im Agrarsektor zuverlässig auditieren wolle, würde es sehr komplex und schwierig. Dem stimmte auch Wilbert Flinterman von Fairtrade International zu. Er machte deutlich, dass Fairtrade gleichfalls seit Jahren das „Einkommen zum Leben“ im Standard erfasst habe. Man hätte aber feststellen müssen, dass die Kriterien, wie sie bislang definiert sind, kaum praktikabel und fast nicht zu überprüfen seien. Es bräuchte zur Lösung daher mehr als nur Zertifizierungsstandards.  Maßnahmen um das Lohnniveau zu verbessern, müssen umfassen: Sammlung von Lohndaten,  ausreichende Lohnziele nach lokalen Konsultationen und den Dialog in der gesamten Wertschöpfungskette, um zu verhindern, dass die Kosten für höhere Löhne nur auf lokale Produzenten umgelegt werden. Fairtrade wird ein Projekt mit SAI und GoodWeave starten in diesem Bereich. Dieses Projekt könnte die Werkzeuge und Instrumente liefern, die von anderen Organisationen, die sich zu einem „Einkommen zum Leben“ zusammenfinden, mitgenutzt werden könnten.

Sarah Roberts von der Ethical Tea Partnership und Miguel Pestana von Unilever pflichteten dem bei, indem sie deutlich machten, dass man aufpassen müsse, nicht in die Souveränität von Regierungen einzugreifen. Schließlich müssten die Zertifizierungsstandards immer auch konform sein mit den nationalen oder regionalen Gesetzen der Länder im Süden. Wenn ein Land einen gesetzlichen Mindestlohn definiert habe und überdies sehr darüber wache, dass die Wettbewerbsfähigkeit  eines wichtigen Exportguts nicht gefährdet würde, seien schnell diplomatische Friktionen vorstellbar. Insbesondere, wenn ein Standard mit seinen Kriterien diese Wettbewerbsfähigkeit substantiell gefährde. Auch müsse man bedenken, dass es in einigen Ländern starke Gewerkschaften gäbe und in dem Fall Tarifparteien über Gehälter und Löhne verhandelten. Das könnten die Standards nicht einfach von außen übergehen.

Dorianne Beyer wies darauf hin, dass der SAN-Standard derzeit in Revision sei und künftig das „Einkommen zum Leben“ noch stärker berücksichtigen werde. Dafür habe das Internationale Standard-Komitee zur fachlichen Begleitung und Entwicklung des SAN-Standards am Vortag in Amsterdam grünes Licht gegeben. Demnach solle der SAN-Standard künftig neben der Zahlung des Mindest- oder eines vergleichbaren Lohnes und der verpflichtenden Zusicherung einer ordentlichen Unterkunft, eines freien Zugangs zu Trinkwasser und von Bildung und Gesundheitsversorgung zusätzlich folgende Elemente zusichern: Nahrung, Transport und Kleidung sowie eine Art „Sparkonto“, auf dem Geld verfügbar sein muss, damit Arbeiter ihre Familien auch bei unvorhergesehenen Ereignissen mit dem Mindesten versorgen können. Z. B. wenn eine Arbeiterfamilie ein eigenes kleines Häuschen hat und dies bei einem Tropensturm zerstört wird, sollte die Familie in der Lage sein, sich Baumaterial wie Holz zur Reparatur legal beschaffen und also bezahlen zu können. Klar sei aber auch, dass ein global gültiger Standard am Ende immer die lokalen Gegebenheiten vor Ort berücksichtigen müsse und es daher auch künftig sogenannter lokaler Interpretationsrichtlinien bedürfe, die vor Ort geltende Gesetze und ähnliches berücksichtigen.

Britta Wyss Bisang von UTZ Certified bestätigte, dass auch die Standards bei UTZ Certified derzeit in Revision seien. Sie machte deutlich, dass erste auf ein neues „Living Wage“-Modell zugeschnittene Stakeholder-Dialoge im Süden zu unerwartet starkem Widerspruch geführt hätten. Man habe erkennen müssen, dass man nicht einfach seine Sicht des wohlhabenden Europas aus dem Norden auf die Situation der Menschen im Süden stülpen könne. Man könne auch nicht einfach an den Gewerkschaften vorbei arbeiten. Nun würde das Modell angepasst, und man arbeite weiter an der Frage, wie es lokal angepasst anwendbar und zuverlässig überprüfbar gemacht werden könne.

Aus dem Publikum brachten sich in den Dialog ein unter anderem Vertreter von Oxfam, Hivos, IDH (der holländischen Nachhaltigkeitsinitiative im Handel), Fairfood und Max Havelaar, Stop the Traffik (die sich gegen missbräuchliche Kinder- und Zwangsarbeit sowie Menschenhandel engagiert) und das deutsche Südwind-Institut. Dabei kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass die Implementierung von Anforderungen an ein „Einkommen zum Leben“ ausschließlich über Standards möglicherweise eine alle Beteiligten überfordernde, zu komplexe Aufgabe sein könnte. Was zum Beispiel soll mit selbstständigen Kleinbauern passieren? Wie können die, die keine Arbeiter beschäftigen und nur mit Familienmitgliedern auf ihren Kleinstfarmen arbeiten, durch ihrer Hände Arbeit existenzsichernd versorgt werden? Wie will man mit Regierungen umgehen, die die Festsetzung von Löhnen selbst betreiben und gesetzlich regeln, wenn aus Sicht der Standards und der Zivilgesellschaft diese Löhne zum Leben nicht reichen? Wie können örtliche Gewerkschaften in Lösungen besser eingebunden werden, selbst wenn diese Gewerkschaften womöglich sehr schwache Tarifpartner sind? Und reicht die Konzentration auf die Rohwarenerzeuger und ihre Arbeiter im tropischen Süden aus, wenn am Ende der Wertschöpfungskette Verbraucher und zuvor noch die großen Handelsketten stets nach der preislich günstigsten Lösung schauen? Muss nicht die gesamte Wertschöpfungskette für Lösungen mit in Betracht gezogen werden? Und sollten nicht wenigstens die Standard setzenden Organisationen wie SAI, SAN/Rainforest Alliance, UTZ Certified und Fairtrade International/FLO gemeinsam an einem Lösungsmodell arbeiten? Denn was passiert, wenn Farmer im Süden auf einmal vier oder fünf verschiedene Living-Wage-Modelle parallel umsetzen müssen, wollen sie die häufig schon heute Realität gewordene Mehrfachzertifizierung ihrer Farmen behalten?

UTZ Certified und das SAN (zusammen mit der Rainforest Alliance) zeigten sich jedenfalls bereit, dem Ruf nach einer gemeinsamen Lösung auf der Ebene der Standard setzenden Organisationen zu folgen. Sie riefen die die Standards überwachende ISEAL Alliance auf, das Thema schnellstmöglich auf die Agenda zu heben. Das soll nun im Juni 2013 im Rahmen der nächsten ISEAL-Konferenz geschehen. ISEAL Mitglieder sind auch SAI und Fairtrade International.

Letztlich zeigte sich, dass es für alle Beteiligten, ganz gleich ob Fairtrade, SAI, UTZ CERTIFIED oder SAN/Rainforest Alliance, noch ein langer Weg sein wird, bis das „Einkommen zum Leben“ für die Arbeiter im Süden tatsächlich in der Breite Realität werden kann. Und alle Kämpfer für eine effektive Lösung brauchen starke Partnerschaften mit der Politik – aber auch mit Unternehmen, seien es Hersteller oder Händler. In jedem Fall aber sind die politischen Kräfte der EU und der nationalen Regierungen gleichsam gefordert, das Erkämpfen von „Einkommen zum Leben“ nicht allein den NGOs und den Standard setzenden Organisationen zu überlassen.

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