Rainforest Alliance

Eric Servat über die Rolle von Zertifizierungen in der Côte d’Ivoire: Gute Nachrichten für den Kakao und die Nahrungsmittelindustrie

Fast die Hälfte aller produzierten Schokolade wird in Europa gegessen, so die Angaben der International Cocoa Organization (ICCO). Briten, Schweizer oder Deutsche essen durchschnittlich pro Kopf rund 11 Kilogramm Schokolade jährlich – umgerechnet sind das 189 Mars-Riegel pro Person. Der Großteil der Schokolade beinhaltet wahrscheinlich Kakao, der in der Côte d’Ivoire angebaut wurde. Denn die Côte d’Ivoire ist der weltweit größte Kakaoproduzent. Mit immer größerer Wahrscheinlichkeit stammen die Kakaobohnen dann auch von Rainforest-Alliance-Certified™ Farmen.

Junge Kakaopflanzen, die darauf warten, eingepflanzt zu werden.


Die Anstieg von Rainforest-Alliance-Zertifizierungen in der Côte d’Ivoire hat phänomenal zugenommen, da große Unternehmen wie Mars, Unilever, Mondelez (ehemals Kraft Foods), Hershey und der weltweit größte Schokoladenhersteller Barry Callebaut sich dazu verpflichtet haben, ihren Kakao von zertifizierten Farmen zu beziehen. In nur sechs Jahren wurden 60‘000 ivorische Farmen mit mehr als 500‘000 Hektar Fläche Rainforest-Alliance-zertifiziert. Auf meinen häufigen und regelmäßigen Besuchen in dem Land habe ich erlebt, welchen echten Unterschied das für das Leben der Bauern und ihrer Familien bedeutet. Was treibt diese massive Expansion an?

Es gibt über 1 Million Kakaobauern in der Côte d’Ivoire. Die überwiegende Mehrheit von ihnen sind Kleinbauern, hinzu kommen weitere 3,5 Millionen Ivorer, die von den Einkünften des Kakao-Sektors abhängen. Leider sind in der Côte d’Ivoire Preisinstabilität, ausgebeute Kleinbauern mit niedrigem Einkommen und Kinderarbeit im Kakao-Sektor seit jeher keine Seltenheit. Unfaire Kakaopreise und Armutslöhne wurden, während der letzten 11 Bürgerkriegsjahre, immer wieder als wichtige Faktoren für die politische Instabilität der Côte d’Ivoire benannt. Das US-Magazin zum aktuellen Zeitgeschehen, The Nation, schrieb im Jahr 2011, „der eigentlic

he Grund, dass der Kampf wieder ausbricht[in der Côte d'Ivoire], ist eine zutiefst ungerechte internationale Wirtschaftsordnung, die den Menschen, die unsere primären Produkte liefern, einen Hungerlohn zahlt und eine Nation chronisch krank hinterlässt, mit Arbeitslosigkeit und Armut, sowie mit Menschen, die einander um knappe Ressourcen bekämpfen. “

Darüber hinaus sieht sich der Kakaoanbau in der Côte d’Ivoire auch mit anderen Problemen konfrontiert: Schädlingsbefall, Pflanzenkrankheiten wie Pilze, zerstörerische Anbaumethoden; zunehmend auch die negativen Folgen des Klimawandels, ganz speziell Dürre. Da auf der einen Seite die Nachfrage nach Kakao stetig steigt (um 3 Prozent jährlich innerhalb des letzten Jahrhunderts), auf der anderen Seite allerdings geringe Ernteerträge und geringes Einkommen der Farmer zusammentreffen mit dem Wunsch der Jugend nach einem besseren Leben als das der Alten, gibt es ernst zu nehmende Bedenken, was die künftige Versorgung mit Kakao betrifft.

Es verbreitet sich zunehmend die Erkenntnis, dass das Einkommen der Kakaobauern und der Ertrag drastisch steigen müssen, um eine nachhaltige Zukunft für die ivorische Kakao-Industrie zu gewährleisten. Zertifizierung wird von allen Beteiligten als lösung angesehen: den Farmern, der Kakao- und Schokoladenindustrie und NGOs, die darauf bedacht sind die Industrie zu modernisieren. Die Industrie als solche hat keine Zukunft, wenn junge Menschen aufgrund von Armut ihre Familie und die elterliche Farm verlassen und in die Stadt ziehen, oder wenn es wegen der erschöpften und alten Böden und Bäume keine anständige Ernte mehr gibt. Ebenso wenig wollen Industrie oder Regierung Fälle von missbräuchlicher Kinderarbeit in der Lieferkette, denn nicht nur gemäß der Regeln des heutigen Marktes ist missbräuchliche Kinderarbeit völlig inakzeptabel.

Der Weg nach vorne über die Zertifizierung beinhaltet, Landwirte mit Möglichkeiten für eine verbesserte und nachhaltige Betriebsführung und für eine gesteigerte Produktivität auszustatten und ihnen den Zugang z

Die Farmer lernen auch den Wert alternativer Energien kennen.

u Unternehmens- und Finanzdienstleistungen zu ebnen. In der Côte d’Ivoire und anderswo verlassen sich Rainforest-Alliance-Certified™-Farmen auf unser Know-How, um eine nachhaltige Bodenbewirtschaftung, Pflanzenschutz und Schädlingsbekämpfung zu implementieren, Wasser- und Energiekosten zu senken und die Erträge zu steigern, ohne auf das Roden von Waldflächen für Kulturpflanzen oder auf schädliche Brandrodung und andere intensive chemische Methoden zurückgreifen zu müssen. Heute schützen mehr als eine halbe Million Rainforest-Alliance-Certified™-Farmen Wälder und Böden bei gleichzeitiger Steigerung der Erträge und der Verbesserung der Lebensbedingungen von Farmern und ihren Mitarbeitern.

Eine unabhängige Studie des Committee on Sustainability Assessment (COSA) über die Auswirkungen der Rainforest-Alliance-Zertifizierung auf den Kakaoanbau in der Côte d’Ivoire belegt, dass, nachdem nachhaltige Methoden und Verfahren auf den Betrieben implementiert wurden, die zertifizierten Betriebe ihre Erträge um 58 Prozent steigern konnten und das Nettoeinkommen der Farmen fast viermal höher lag  als das von nicht-zertifizierten Farmen.

Die Studie befand auch, dass die Zertifizierung viele Vorteile für die Umwelt hat, zum Beispiel Boden- und Wasserschutz und auch soziale Vorteile mitsichbringt, zum Beispiel höhere Bildungsabschlüsse. Auf zertifizierten Farmen dürfen Jugendliche in Familienbetrieben helfen (natürlich nur unter definierten Regeln). Über 50 Prozent der Jugendlichen auf den zertifizierten Farmen erreichten ihr altersgemäßes Niveau in der Schule, im Vergleich von nur 13 Prozent der Jugendlichen auf nicht-zertifizierten Farmen. Der Fokus liegt auch hier darauf, dass 100 Prozent, also alle Jugendlichen, das altersgemäße Niveau erreichen.

Die Probleme im Kakaosektor der Côte d’Ivoire sind tief verwurzelt: Preise und Erträge bleiben in der Regel niedrig, Farmen sind weiterhin anfällig, Kinderarbeit und andere Misshandlungen sind eher leicht zu finden. Die zukünftige Versorgung mit Kakao ist also noch nicht sicher. Farmer und diejenigen, die von ihnen abhängig sind, sind noch immer arm und konkurrieren um knappe Ressourcen. Aber Zertifizierung von nachhaltigen Kakaoanbau ist eine bewiesene und erprobte Lösung, um schnell wachsende Erträge zu erzielen und das Einkommen der Farmer zu mulitplizieren, damit mehr und mehr Farmern eine nachhaltige Zukunft gesichert wird.

Weltweit sehen wir uns mit der steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln konfrontiert. Die Weltbevölkerung wird bis zur Mitte des Jahrhunderts die 9 Milliarden-Marke erreichen, und die Mittelschicht in den Schwellenländern wird bereit sein, einen größeren Teil des Einkommens für Lebensmittel auszugeben, zum Beispiel um mehr Fleisch zu konsumieren. Um die Nachfrage zu stillen, muss die globale Nahrungsmittelproduktion das tun, was in der Côte d’Ivoire bereits angelaufen ist: Die Erträge auf bestehenden Anbauflächen müssen nachhaltig gesteigert werden, ohne dass mehr Waldfläche gerodet wird oder Böden durch Beweidung abgetragen werden. Dies würde den Klimawandel nur verschärfen und einen Verlust der Artenvielfalt bedeuten. Die Rainforest-Alliance-Zertifizierung bietet eine Fülle von Beweisen dafür, dass das Ziel zu erreichen ist – durch Anwenden  ökologisch und sozial nachhaltiger Anbaumethoden.

Eric Servat arbeitet bei der Rainforest Alliance als Senior Manager für das Kakao Programm. Seine Arbeit bringt ihn häufig in den Ursprung des Kakaos, so dass er aus erster Hand die Umstände und Herausforderungen in Ghana und der Côte d‘Ivoire kennt und von ihnen berichten kann.

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