Unsere Reaktion auf die ZDFzoom Sendung vom 26. September 2012 – vorab

26. September 2012 at 17:53 Hinterlasse einen Kommentar

Per Email an: zdfzoom@zdf.de

Beitrag: „Fair gehandelt? Was Kaffee-Label wirklich bringen“, gepostet auf der Website des ZDF, begleitend zur Sendung ZDF zoom am Mittwoch, den 26.9.2012, 22:45 Uhr, Autor:  Lydia Klehn

(http://zoom.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/ZDFzoom/2942346/24452564/d640e2/Fair-gehandelt.html)

Sehr geehrte Frau Klehn, sehr geehrtes Redaktionsteam von ZDF zoom, namentlich
Frau Nina Behlendorf und Frau Beate Höbermann!

Wir nehmen Bezug auf den begleitenden Text zur genannten Sendung auf Ihrer Website (siehe oben) und insbesondere die unter Fairtrade und Rainforest Alliance getroffenen Aussagen darin. Neben verschiedenen inhaltlich falschen oder zumindest in Teilen nicht zutreffenden Aussagen — das SAN Sustainable Agriculture Network ist ein Zusammenschluss von 9 Umweltschutzorganisationen; es werden keine Produkte, sondern Farmen [nach dem SAN-Standard für nachhaltige Landwirtschaft, aber nicht vom SAN] zertifiziert usw. — möchten wir unserer großen Verwunderung Ausdruck geben, in welch nachlässiger Weise hier Anforderungen von Fairtrade und der Rainforest Alliance/des SAN miteinander verglichen werden. In keinster Weise scheint Ihnen daran gelegen zu sein, Vergleichbares als solches darzustellen. Was Sie bei Fairtrade unter der Klammer „ökologische Entwicklung“ hervorheben, gilt in gleicher Weise für den SAN-Standard, dessen Begründer die Rainforest Alliance und ihre Partner im SAN sind.

Stattdessen geben Sie an entsprechender Stelle zu Rainforest Alliance lapidar zu lesen: „(…) Doch der Schwerpunkt liegt klar auf dem Bereich Umwelt. Dennoch entsprechen die Kriterien des Siegels nicht denen des biologischen Anbaus.“
1. Das behaupten weder die Rainforest Alliance noch das SAN bzw. haben das je behauptet.
2. Vielmehr weisen sie an fraglichen Stellen – etwa im Bereich FAQ auf der Website – sogar selbst auf den Unterschied hin, um darin keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.

Genau solches scheint aber in Ihrem Beitrag Intention zu sein. Denn auch Fairtrade ist kein Bio-Siegel! Pestizide lässt auch das Fairtrade-Siegel zu. Die Rainforest Alliance hat vielmehr einen klaren, internationalen Regulierungen folgenden strikten Katalog verbotener Pestizide. Darüber hinaus fordert sie von den Farmern, den Gebrauch möglichst zu vermeiden und z. B. auf den alternativen Einsatz von Nützlingen zu setzen, in jedem Fall auf das Notwendigste zu beschränken und unvermeidliche Verwendung zu dokumentieren etc. Denn: Wenn die Ernte durch Schädlingsbefall und Krankheiten gefährdet ist, bedroht dies das wirtschaftliche Überleben der Kaffeefarmer in den Tropen. Des Weiteren setzt sich die Rainforest Alliance im Kaffeeanbau für ein Agroforstsystem ein, bei dem Kaffee im Schutz schattenspendender Bäume anzubauen ist. Dies wie auch die geforderte Wiederaufforstung nicht genutzter bzw. nicht nutzbarer Flächen sind wertvolle Beiträge zum Erhalt der Artenvielfalt, wie sie nicht einmal das BIO-Siegel einfordert.

Sie sehen offenbar nicht den Mehrwert von nebeneinander existierenden Schemata, die die Verfolgung eines Metaziels eint und die bei der konkreten Umsetzung ihrer Programme bewusst unterschiedliche Wege gehen.

So ignorieren Sie auch die im Juni 2012 veröffentlichte COSA-Studie, finanziert von der Schweizer Regierung. Sie bescheinigt Rainforest Alliance Certified™-Farmen in den untersuchten Stichproben 15 Prozent mehr Ertrag im Vergleich zu nicht-zertifizierten Farmen, siehe Link: http://thefrogblogch.wordpress.com/2012/06/29/lieber-mit-als-ohne-label/.

Vermutlich haben Sie persönlich sich für ein Siegel entschieden, exponieren das aus Ihrer Sicht Gute, lassen Gleiches beim anderen Schema gänzlich weg und zerren dafür unbelegt Kritisches hervor. So verwundert es, dass für kritische Aussagen keine eigenen Belege, sondern Aussagen Dritter, hier: Solidar Suisse, eine Fairtade nahestehende Organisation aus der Schweiz, herhalten müssen.
Niemals haben die Rainforest Alliance/das SAN behauptet, das eigene Siegel sei ein „Fairtrade“-Siegel. Hingegen gibt es mit all diesen Organisationen eine schriftlich fixierte Einigkeit darüber, welche Ziele man gemeinsam und sich möglichst unterstützend verfolgt: den nachhaltigen Anbau zu fördern und Lebensbedingungen der Menschen in den Tropen zu verbessern (siehe Anlage „Joint Statement“ dazu).

Ja, wir bekennen uns dazu, dass das Siegel – als Startpunkt – auf Produkten erscheinen darf, deren Inhalt vorerst zu mindestens 30% von Rainforest-Alliance-zertifizierten Farmen beschafft wurde. Dieser Anteil muss dann eindeutig auf der Packung und in Verbindung mit dem Siegel kenntlich gemacht sein. Dieser Anteil ist innerhalb eines festgelegten Zeitraums von 5 Jahren auf 100% zu steigern. Dieser Anteil darf 30% nicht unterschreiten.

Sie interessieren sich für die Gründe, warum wir einen Mindestanteil überhaupt zulassen? Gern erläutern wir sie Ihnen in einem gesonderten Gespräch oder Schreiben. Hier sei zunächst nur der Wunsch geäußert, sich mit den Richtlinien anderer Siegel ebenfalls etwas näher vertraut zu machen, so dass Sie sicherlich entdecken werden, dass bei anderen unter ebenfalls besonderen Umständen auch schon 20% oder gar nur 10% Anteil genügen, ohne dass dies in eindeutiger Weise dem Konsumenten transparent gemacht wird.
Eine Frage abschließend: Wie viele Hektar Land werden ökologisch, sozial, ökonomisch nachhaltig bewirtschaftet, wenn die tropischen Rohstoffe für international bekannte Markenkaffees und -tees zu mindestens 30% bzw. mind. 50% von Rainforest-Alliance-zertifizierten Farmen bezogen werden? Und auf was kommt es den Menschen an, die bewusst konsumieren möchten?

Fragen Sie gern nach! Wir unterstützen kritischen Dialog, der auf Fakten basiert.

Mit freundlichen Grüßen
Dagmar Seyfert

P.S.: Eine meinungsoffene und vor allem zeitlich nah angelegte Recherche hätte weniger „olle Kamellen“ als konstruktive und fokussierte Zusammenarbeit verschiedener Standard-setzender Organisationen wie Rainforest Alliance/SAN und Fairtrade zutage gebracht, siehe etwa Forum Nachhaltiger Kakao des BMZ/BMELV in Verbindung mit Industrie, Handel, Zivilgesellschaft; ISEAL; CEN-Initiative für nachhaltigen Kakao sowie das hier anhängende und bereits erwähnte Joint Statement.

Ein PDF der Reaktion steh hier zum Runterladen bereit.

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